Justin Trudeau | Bildquelle: ADRIAN WYLD/POOL/EPA-EFE/REX

Wahl in Kanada Trudeau - Hoffnungsträger in Nöten

Stand: 21.10.2019 06:27 Uhr

Ein angekratztes Saubermann-Image, nicht eingelöste Versprechen: Wurde Trudeau 2015 als Symbolfigur des Neuanfangs ins Amt getragen, muss Kanadas Premier bei der heutigen Abstimmung seine Abwahl fürchten.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Am 19. Oktober 2015 war Justin Trudeau am Ziel seiner Träume. Mit einem Erdrutschsieg hatte er den konservativen Ministerpräsidenten Stephen Harper aus dem Amt gefegt. Und versprach den Kanadiern eine "sonnige Zukunft". Eine Welle der Hoffnung hatte den damals 43-Jährigen ins Amt getragen. Trudeau - der Kennedy Kanadas. Sohn des langjährigen Premiers Pierre Trudeau. Laut Barbara Streisand eine Mischung aus Marlon Brando und Napoleon.

Einen echten Politikwechsel versprach Trudeau und wurde so zu einem Idol der Progressiven. Eine liberale Einwanderungspolitik, Gleichstellung und Minderheitenrechte - alles verkörpert im perfekten Kabinett: 30 Minister, die Hälfte Frauen, ein Ureinwohner, ein Flüchtling aus Afghanistan, ein Homosexueller und vier Sikhs. Ein besseres Kanada eben.

Zustimmungswerte im Keller

Heute - vier Jahre später - könnte der Satz aus Sicht Trudeaus eher lauten: Es kann nur besser werden. Die Zustimmungswerte des einstigen Überfliegers sind im Keller, Trudeau muss um seine Wiederwahl fürchten. Er wäre der erste kanadische Premier seit den 1930er-Jahren, der schon nach der ersten Amtszeit abgewählt wird.

Trudeau im Wahlkampf | Bildquelle: AP
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Muss enttäuschte Wähler überzeugen: Premier Trudeau.

"Die Kanadier können darüber abstimmen, in welchem Kanada sie leben wollen. Wir können uns entscheiden: Wollen wir weitermachen mit den Fortschritten oder wollen wir zurück in die Harper-Jahre?, fragt Trudeau. Dabei sind viele Wähler enttäuscht von dem, was Trudeau Fortschritt nennt. Das wichtigste Versprechen - die Reform des Mehrheitswahlrechts - hat er nicht eingelöst.

Und das Saubermann-Image ist schwer angekratzt, seit im Frühjahr bekannt wurde, dass Trudeau seine damalige Justizministerin unter Druck gesetzt haben soll, um den Korruptionsprozess gegen einen großen kanadischen Baukonzern zu verhindern. Zwei Ministerinnen traten aus Protest zurück.

Späte Entschuldigung

Trudeau entschuldigte sich erst, als ihn im August eine Ethik-Kommission für sein Verhalten rügte: "Das hätte nicht passieren dürfen. Ich übernehme die Verantwortung für diese Fehler. Aber ich kann mich nicht dafür entschuldigen, dass ich kanadische Jobs geschützt habe."

Nicht der letzte Skandal vor der Wahl. Vor einigen Wochen tauchten fast 20 Jahre alte Fotos auf, auf denen Trudeau, damals 29, bei einer Party unter dem Motto "Arabische Nächte" in einem Aladin-Kostüm und mit einem dunkelbraun geschminkten Gesicht zu sehen ist. In Kanada eine Todsünde namens "Brownfacing". "Ich bedauere das sehr. Ich hätte das nicht tun dürfen. Das Gesicht dunkel zu schminken, ist - egal in welchem Zusammenhang - nicht akzeptabel", so Trudeau.

Das alles sind Steilvorlagen für seinen konservativen Herausforderer Andrew Scheer, der Trudeau zuletzt vorwarf, eigentlich immer eine Maske zu tragen. Da kommt prominente Unterstützung gerade recht. Fünf Tage vor der Wahl twitterte der ehemalige US-Präsident Barack Obama, er hoffe, dass die Nachbarn im Norden Trudeau zu einer zweiten Amtszeit verhelfen.

 

Wahl Kanada: Premierminister Trudeau muss zittern
Peter Mücke, ARD New York
21.10.2019 10:19 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 21. Oktober 2019 Deutschlandfunk um 05:54 Uhr und MDR aktuell um 09:11 Uhr.

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