Kanadierinnen halten Bilder und Schilder ihrer vermissten oder ermordeten Verwandten hoch | REUTERS

Indigene Frauen in Kanada Der verschwiegene Völkermord

Stand: 04.06.2019 13:15 Uhr

Jahrzehntelang wurde der Genozid an Frauen und Mädchen indigener Völker in Kanada totgeschwiegen. Um das Schweigen zu brechen, gab Premier Trudeau einen Untersuchungsbericht in Auftrag. Dieser liegt jetzt vor.

Von Georg Schwarte, ARD-Studio New York

Trommeln spielen, als die Frauen und Männer der First Nations, der kanadischen Ureinwohner vom Stamm der Inuit und Metis, mit einem "Marsch der Wahrheit" in den Saal ziehen. Und Kanadas Premierminister Justin Trudeau sitzt in der ersten Reihe und hört, was Kanada jahrzehntelang nicht hören wollte. Er hört vom Völkermord an den Frauen und Mädchen der kanadischen Minderheiten.

Georg Schwarte ARD-Studio New York

Bericht als Beweis für Völkermord

In Decken der indigenen Völker gehüllt, mit Inuit-Stickereien und Metis-Bändern gebunden, überreichen Michelle Audette, eine von fünf Leitern der Untersuchungskommission und selbst mit indigenen Wurzeln, und ihre Mitstreiter Trudeau den Bericht.

"Brauchten wir dafür diese nationale Untersuchung?", fragt der Premier und beantwortet sich die Frage mit einem "Nein, aber": "Jetzt haben wir für alle Zweifler 1200 Seiten, um den Völkermord zu beweisen." Trudeau hatte den Bericht vor drei Jahren in Auftrag gegeben, um die Greueltaten an den Ureinwohnerinnen aufzuklären. Es sei die erste nationale Untersuchung überhaupt über die Geschichte des Umgangs mit Kanadas First Nations.

Staat und Justiz in schlechtem Licht

Drei Jahre hat die nationale Kommission zur Aufarbeitung der vermissten und ermordeten Frauen gearbeitet, geforscht, geweint und gesucht. Mehr als 2000 Familien haben sie interviewt. Das Ergebnis sei verheerend für Staat und Justiz, sagt Michelle Audette. Er ist eine Geschichte des Scheiterns, des würdelosen Umgangs von Polizei und Justiz mit Opfern. Opfer, die, wenn sie überleben, Opfer zweiter Klasse seien in Kanada.

Das Justizsystem Kanadas funktioniere nicht - das hätten sie bei ihrer Arbeit erfahren: "Weil die Familien es uns erzählten, dass sie nicht zählten in diesem System." Mehr als 4200 Frauen und Mädchen, Inuit und Metis, wurden ermordet oder gelten als vermisst, wurden entführt, vergewaltigt und weggeworfen. Audette erzählt Premierminister Trudeau, warum das so war: "Keiner vor Gericht erwähnt den Namen des Opfers. Es wird nur "die Indianerin" genannt. "Dabei ist sie ein Mensch, ein wundervolles Geschöpf, sie hat einen Namen!" Das müsse aufhören, beschwört Audette die Anwesenden.

Kanadas Premier Trudeau (li.) mit Kommissionsmitgliedern | REUTERS

"Ihr seid nicht länger allein": Kanadas Premier Trudeau (links im Bild) nimmt den Untersuchungsbericht zum Völkermord an indigenen Frauen und Mädchen entgegen. Bild: REUTERS

Indigene Frauen und Mädchen sind überdurchschnittlich oft Opfer

Indigene Frauen und Mädchen wurden entführt und vergewaltigt und danach mit Glück am Leben gelassen, mit Pech zerstückelt und verscharrt. Indigene Frauen stellen 4,3 Prozent von Kanadas weiblicher Bevölkerung, gleichzeitig aber 16 Prozent der weiblichen Mordopfer. Die Ermittler diskreditierten offenbar viele davon, sagen, sie seien alkohol- oder drogenabhängig oder arbeiteten als Prostituierte. 47 Prozent aller Verbrechen gegen indigene Frauen werden nicht aufgeklärt.

92 Millionen Dollar hat die Regierung ausgegeben, um diese Untersuchung der kanadischen Schande möglich zu machen. Mehr als 230 Vorschläge enthält der Bericht, der explizit vom kanadischen Völkermord spricht, darunter eine größere Beteiligung der Ureinwohner an Regierung, Justiz und Verwaltung.

"Ihr seid nicht länger allein"

Jetzt sagen die indigenen Frauen, müsse Kanada nicht nur anerkennen, was passiert sei, sondern es müsse sich ändern. Jedes Wort der Opfer zähle, jede Forderung nach Veränderung müsse bedacht werden. "Damit wir nicht nur überleben, sondern leben können", sagt Michelle Audette unter Tränen und dem Jubel der Teilnehmer. Trudeau wendet sich an die Opfer und verspricht: "Wir haben euch im Stich gelassen. Aber ihr seid nicht länger allein."

Und dann beten sie alle zusammen mit dem Premierminister, dass der Schöpfer aller Dinge den Schleier der Gleichgültigkeit hebe, der Ignoranz und helfe, die Verwandten zu finden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Juni 2019 um 05:30 Uhr.

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KOMMENTARE

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Marcus2 04.06.2019 • 23:30 Uhr

@StöRschall

"Rassistische Verbrechen, wenn es eine große Gruppe von Menschen trifft ist Völkermord." Vielleicht lesen sie erst mal auf CBC.ca die verfügbaren Informationen. Die Behörden mögen "rassistisch" motiviert Indigene schlecht behandelt haben. Aber haben niemanden ermordet. Bei den Verschwundenen weiß man nichts. Da einen Völkermord zu vermuten? Bei den Morden liest sich die Vorveröffentlichung auf CBC gelinde gesagt merkwürdig. Wer die Frauen ermordet haben könnte, wird nicht ausgeführt. Klar ist nur die Mutmaßungen der Behörden werden nicht angenommen, die Aufklärungsquote ist zu gering. Daraus einen Völkermord zu konstruieren? Was unangenehm durchscheint ist, dass ganz entgegen englischsprachigem Mediengebahren gezielt der Frage nach den Mördern ausgewichen wird. Vermutlich weil es, wie bei den meisten Morden, Beziehungstaten sind und noch schlimmer es darunter einige indigene Täter gibt.