Justin Trudeau entschuldigt sich im kanadischen Parlament für die Abweisung der "MS St. Louis" | Bildquelle: REUTERS

Jüdische Flüchtlinge abgewiesen Kanada entschuldigt sich für 1939

Stand: 08.11.2018 05:12 Uhr

"Keiner ist schon zu viel" - unter diesem Motto wies Kanada 1939 ein Schiff mit jüdischen Flüchtlingen ab. Viele Passagiere wurden später von den Nazis ermordet. Jetzt bat das Land um Entschuldigung.

Von Kai Clement, ARD-Studio New York

"Die Reise der Verdammten" - so heißt der Film, der die Irrfahrt des Überseedampfers "MS St. Louis" von 1939 erzählt. Fort aus Nazi-Deutschland, über den Atlantik Richtung der schon greifbar geglaubten Rettung.

Ein Passagier, damals noch ein kleines Kind, erinnert sich später: Er habe an eine Urlaubsfahrt in die Freiheit geglaubt. Doch es kommt ganz anders. Mit 907 jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland an Bord steuert das Schiff im Mai 1939 Kuba an, dann die Vereinigten Staaten, schließlich Kanada. Überall aber heißt es: Nein, nicht willkommen.

Kanadas aggressive, antisemitische Antwort auf die Frage, wie viele Juden das Land während der Nazi-Verfolgung denn aufnehmen wolle, lautet damals: "None is too many" - "Keiner ist schon zu viel".

Justin Trudeau bei einem Treffen mit der "MS St. Louis"-Überlebenden Ana Maria Gordon in Ottawa | Bildquelle: REUTERS
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Ana Maria Gordon ist die einzige noch lebende Passagierin der "MS St. Louis".

"Zum Horror der Todeslager verdammt"

Daran hat jetzt Kanadas Premier Justin Trudeau erinnert. Vor dem Unterhaus sprach er eine lang überfällige Entschuldigung an die jüdischen Flüchtlinge, die Kanada abwies. "Wir entschuldigen uns auch bei all jenen, die den Preis für unser Nichtstun bezahlt haben. Die wir zu dem Horror der Todeslager verdammt haben."

Kanada hat diese Entschuldigung bereits vor einem halben Jahr angekündigt. Nun kommt sie kurz vor dem 80. Jahrestag der Pogromnacht in Deutschland. Sie kommt inmitten der größten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg - wie das die Vereinten Nationen beschreiben - und inmitten eines auch in den USA wieder aufflammenden Antisemitismus, was zuletzt der brutale Anschlag auf die Synagoge von Pittsburgh bewiesen hat.

17 Prozent aller Hassverbrechen in Kanada richteten sich gegen Juden, sagt Trudeau. Holocaust-Leugner und Hakenkreuz-Schmierereien bewiesen: Der Antisemitismus sei immer noch da.

Hunderte ehemalige Passagiere ermordet

Kuba, die USA, schließlich Kanada - überall abgewiesen kehrt die St. Louis nach Europa zurück, geht in Antwerpen vor Anker, die Flüchtlingen verteilen sich auf Frankreich, Belgien, die Niederlande. Historiker haben ihre Spuren verfolgt: Danach ermordeten die Nazis 254 von ihnen während des Holocausts.

Die Herzen der Kanadier seien damals verschlossen gewesen, sagt nun der konservative Oppositionsführer Andrew Scheer. "Es ist keine Schande für ein Land, schändliche Taten der Vergangenheit einzuräumen. Eine echte Schande wäre es, sie zu vergessen und nicht von ihnen zu lernen", meint er.

Premier Trudeau beschreibt ein anderes, ein gewandeltes Kanada. Ein Land, zu dem Juden wie überhaupt alle Einwanderer einen enormen Beitrag leisteten.

Sein Schwur, der Schwur seines ganzen Landes: Nie wieder!

„Nie wieder!“ - Kanadas späte Entschuldigung für Zurückweisung jüdischer Flüchtlinge
Kai Clement, ARD New York
08.11.2018 06:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk "Informationen am Morgen" am 08. November 2018 um 05:45 Uhr.

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