Schild mit Corona-Maßnahmen in Kanada | dpa

Fehlender Corona-Impfstoff Kanada in der Warteschlange

Stand: 15.02.2021 03:58 Uhr

Nirgendwo wurde mehr Corona-Impfstoff pro Kopf bestellt als in Kanada. Trotzdem sind bislang nur knapp eineinhalb Prozent der Bevölkerung geimpft. Weil Joe Biden am Exportstopp seines Vorgängers festhält - und die EU eigene Probleme hat.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Kanadas Premierminister Justin Trudeau klingt ein wenig, als müsse er sich selber Mut zusprechen. "Jeder, der die Impfung in Kanada will, wird sie bis Ende September bekommen", sagt der Premier. Nun gehe es für die rund 38 Millionen Kanadierinnen und Kanadier voran mit dem Covid-Impfstoff. Bis Ende März habe Pfizer die Lieferung von vier Millionen längst zugesagter Dosen versprochen. Auch der Konzern Moderna liefere bald. "Wir arbeiten täglich Tag daran, so viele Dosen wie möglich so schnell wie möglich in die Arme der Kanadier zu bekommen", sagt Trudeau.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Doch die Realität sieht anders aus: Bis Februar wurden gerade einmal knapp eineinhalb Prozent der Bevölkerung geimpft. Und das, obwohl Kanada als Vorzeigeland gilt - denn es hatte die meisten Impfdosen pro Kopf bestellt. Bereits im vergangenen August hatte die zuständige Ministerin Anita Anand Verträge mit vier Firmen abgeschlossen, darunter BioNTech/Pfizer und Moderna. Die Kanadier seien die Ersten in der Schlange, hieß es damals. Doch Details aus den Verträgen gibt die Ministerin nicht preis. "Es ist weltweit Standard, solche Verträge vertraulich zu behandeln. Und wenn wir uns nicht daran halten, gefährden wir unsere Impfstoff-Versorgung", sagt Anand.

Am Tropf der EU

Bekannt ist: Die Trudeau-Regierung hat über eine Milliarde Dollar an mehrere Firmen bezahlt - für die Option auf Impfstoff-Lieferungen. Was das genau bedeutet, ist nicht bekannt. Momentan hängt Kanada jedenfalls am Tropf der Europäischen Union. Es importiert zum Beispiel Impfstoff, den BioNTech/Pfizer im belgischen Puurs produziert.

Doch auch dort gibt es Verzögerungen wegen Produktionsproblemen. Ein Beweis für den konservativen Europaabgeordneten Peter Liese: "Das Beispiel Kanada zeigt, dass die einfache Rechnung: 'Wer viel und früh BioNTech-Impfstoff bestellt hat, der steht jetzt besser da als Deutschland und die EU' nicht stimmt", sagt er.

"Trudeau muss jetzt auch mal Tacheles reden"

Kanada habe weniger geimpft als Deutschland und andere EU-Staaten, betont der CDU-Politiker aus Nordrhein-Westfalen. Das Problem: Im Gegensatz zur EU lassen die USA ihren Partner beim Impfstoff hängen. Sie haben unter Donald Trump einen Exportstopp verhängt. Und auch der neue Präsident Joe Biden macht Trudeau keine Hoffnung darauf, dass sich das so bald ändert. Nun fürchtet Kanadas Premier, dass auch die EU bald mauern könnte.

In Folge der Lieferprobleme und des eigenen Versorgungsnotstands hat die EU vor zwei Wochen Exportkontrollen eingeführt. Trudeau mahnt: Sollte die EU blockieren, wäre das besorgniserregend. Doch Europapolitiker Liese betont: Die Kontrollen richteten sich nicht gegen den Partner Kanada. "Der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau muss jetzt auch mal Tacheles reden mit Boris Johnson und mit Joe Biden", sagt Liese. "Wenn diese beiden Justin Trudeau und Kanada langfristig als Verbündeten behalten wollen, dann dürfen sie sich nicht so verhalten, wie in den letzten Wochen."

Neuer Vertrag mit Novavax

Die kanadische Regierung hat nun einen Vertrag mit dem US-Impfstoffhersteller Novavax geschlossen. Geplant ist auch eine Produktionsstätte in Montreal. Kanadas Außenminister Francois-Philippe Champagne ist optimistisch: Wenn dieser Impfstoff erstmal genehmigt sei, dann werde sein Land ihn bis Jahresende selber produzieren. Vielleicht kann eines Tages auch die EU davon profitieren.