Eine Familie hat ihr Hab und Gut auf einen Transporter geladen, um vor den Kämpfen in Helmand zu fliehen | Bildquelle: WATAN YAR/EPA-EFE/Shutterstock

Afghanistan Heftige Kämpfe treiben Familien in die Flucht

Stand: 13.10.2020 04:20 Uhr

Einen Monat nach Beginn der afghanischen Friedensgespräche haben die Taliban eine Offensive im Süden des Landes gestartet. Hunderte Familien sind auf der Flucht, ein Ende der Kämpfe ist nicht in Sicht.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Während in Doha der innerafghanische Dialog geführt wird, werden aus Afghanistan schwere Kämpfe gemeldet. Sogar die US-Luftwaffe ist im Einsatz, um den Vormarsch der Taliban auf Laschkargah, die Hauptstadt der südlichen Provinz Helmand, zu stoppen.

Dabei gibt es seit der Friedensvereinbarung von Doha, die Ende Februar unterzeichnet wurde, einen Waffenstillstand zwischen den Taliban und den USA. Die Luftschläge seien jedoch mit dem Abkommen von Doha vereinbar, twitterte der Sprecher der US-Streitkräfte in Afghanistan, Colonel Sonny Leggett. Die US-Luftwaffe unterstütze die afghanischen Regierungstruppen bei der Verteidigung gegen einen Taliban-Angriff.

Bereits das gesamte Wochenende über wurde rund um Laschkargah gekämpft. Die Verkehrswege dorthin seien abgeschnitten, berichtete das afghanische Fernsehen. Hunderte Familien sind den Angaben zufolge auf der Flucht.

Taliban wollen weiter kämpfen

Mitte September hatten Vertreter der Taliban und der afghanischen Regierung in Doha den sogenannten innerafghanischen Dialog aufgenommen - doch eine Waffenruhe mit den Regierungstruppen lehnen die Taliban ab. Sie sehen sich als Verteidiger des Landes gegen eine fremde Besatzungsmacht und betrachten die Regierung in Kabul als Marionette der USA.

Es gebe keinen Grund, die Angriffe einzustellen, sagte Mullah Khairulla Khairkhwa kürzlich in einem Interview mit dem arabischen Fernsehsender Al-Jazeera. Der einstige Guantanamo-Häftling ist jetzt Mitglied der Taliban-Verhandlungsdelegation in Doha. "Wir sind doch angegriffen worden", sagte Khairkhwa. "Wir wollten keinen Krieg, wir wollten Frieden. Aber wir müssen uns verteidigen. Der Krieg ist zu uns gekommen, doch jetzt ziehen die ausländischen Truppen ab."

Karte: Afghanistan mit den Provinzen Sar-e Pul und Helmand
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Karte: Afghanistan mit den Provinzen Sar-e Pul und Helmand

US-Abzug womöglich bis Weihnachten

Ende vergangener Woche hatte US-Präsident Donald Trump einen Abzug aller US-Truppen in Afghanistan bis Weihnachten angekündigt und nicht erst bis April nächsten Jahres. US-Generalstabschef Mark Milley schränkte inzwischen ein, dafür müsse es eine Reduzierung der Gewalt und Fortschritte bei den Friedensgesprächen geben.

Der Abzug werde Konsequenzen haben für Afghanistan, sagte der Vorsitzende des Hohen Rates für Versöhnung, Abdullah Abdullah, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP. "Wir haben ja die Hoffnung, dass es bei den Verhandlungen mit den Taliban Fortschritte gibt", so Abdullah. "Dann brauchen wir keine ausländischen Truppen mehr. Aber ob ein übereilter Abzug Folgen haben wird? Wahrscheinlich ja." Man könne die Augen vor den Realitäten im Land nicht verschließen. "Es wird nicht dazu führen, dass eine Seite die andere besiegen wird, aber Folgen wird es haben."

Friedensgespräche kommen nur langsam voran

Die Friedensgespräche in Doha stecken rund vier Wochen nach ihrem feierlichen Start noch immer in Streitigkeiten über Grundsatzfragen und organisatorische Details fest. Nun sei man allerdings substantiell weitergekommen, berichtete das afghanische Fernsehen. Umstritten sei nur noch, welche Auslegung des islamischen Rechts zugrunde gelegt werde, und welche Bedeutung das Abkommen von Doha zwischen den USA und den Taliban für die weiteren Gespräche haben solle.

Die Taliban müssten einsehen, dass die Entwicklung der vergangenen 19 Jahre nicht einfach zurückgedreht werden könne, so Abdullah. Aber sie würden wohl bei der Zukunft Afghanistans ein bedeutendes Wort mitreden wollen. "Es wird kein Islamisches Emirat mehr geben, das die Taliban während ihrer Herrschaft geführt haben", sagte er. "Aber wir werden eine Situation haben, in der die Taliban zusammen mit dem Rest der Gesellschaft die Geschicke des Landes gestalten - oder der Rest der Gesellschaft mit den Taliban. Es gibt viele Differenzen, aber wir sind uns wohl einig, dass es keine Lösung durch Gewalt gibt."

Noch versuchen die Taliban, mit Gewalt ihre Verhandlungsposition mit der afghanischen Regierung zu verbessern. Ein Ende der Kämpfe in Helmand und in anderen Provinzen ist nicht in Sicht.

Afghanistan - heftige Gefechte trotz Friedensgesprächen
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
12.10.2020 22:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 13. Oktober 2020 um 09:13 Uhr.

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