Jean-Claude Juncker

Juncker vor Wahl zum EU-Kommissionschef Der Überlebende

Stand: 15.07.2014 03:19 Uhr

Jean-Claude Juncker, 59, langjähriger Regierungschef Luxemburgs, ehemaliger Chef der Eurogruppe - und wohl bald der neue Präsident der EU-Kommission Seine Wahl heute im Europaparlament gilt als sicher - trotz erklärten Widerstands vor allem der Briten.

Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Brüssel

"Wie geht’s Ihnen?", fragt der Brite Syed Kamall höflich zur Begrüßung. "Ich überlebe", gibt Jean-Claude Juncker zur Antwort. Was dessen Gemütszustand perfekt wiedergegeben haben dürfte. Seine Werbetour durch die EU-Parlamentsfraktionen führte Juncker nämlich auch zu jener, die von den britischen Konservativen beherrscht wird. Eben der Partei von Premier David Cameron also, der ihn als EU-Kommissionschef mit allen Mitteln zu verhindern suchte.

"Ich habe denen gezeigt, wie ich wirklich bin. Die haben das aber missachtet, weil sie lieber der britischen Skandalpresse glauben", sagte Juncker nach der Anhörung grummelig. Die britische Ablehnung und die Schmähungen der vergangenen Wochen haben den Luxemburger gekränkt. Wenig überraschend ließ die Fraktion dann auch anschließend mitteilen, dass sie die Wahl Junckers nicht unterstützen könne.

"Wir haben ihn nicht ausgebuht. Wir haben Juncker bei einigen Themen schlicht nicht beklatscht", berichtete der Fraktionschef der Gruppe, Kamall. Und er arbeitete immerhin ein paar Punkte heraus, bei denen es Übereinstimmung gab: Mit Junckers Ideen zum Ausbau des digitalen Binnenmarkts oder auch zu Energie-Themen könnten die britischen Tories durchaus leben. Ansonsten aber steht "Mister Euro" aus britischer Sicht einfach für zu viel Europa.

"Wir wollen einen fairen Deal mit Großbritannien", stellte Juncker später klar. "Wenn unsere britischen Kollegen und Freunde gewisse Dinge wieder zurück in die Heimat auf die Insel holen wollen, die jetzt in Brüssel angesiedelt sind - bitte! Aber ich muss wissen, was sie genau meinen."

Guter alter Europäer oder alter ausgedienter Dinosaurier?

Auch bei den Grünen schaute Juncker vorbei. Ein Termin, der ihm deutlich mehr zusagte. Man duzt sich. "Ich bin froh, dass Du mich hier als guten alten Europäer begrüßt hast", sagte er zu Fraktionschefin Rebecca Harms. "Ich habe es besonders gemocht, dass Du gesagt hast 'guter Europäer'. Dass Du auch 'alter Europäer' gesagt hast, habe ich weniger gemocht - weil ich mich ja ständig beschreiben lassen muss als ein alter ausgedienter Dinosaurier."

Juncker sei beileibe kein Grüner, stellten die Grünen dann allerdings doch fest - und die müssen es schließlich wissen. Und fast schon genüsslich wies Fraktionschefin Harms darauf hin, dass es während des Wahlkampfs gar nicht so leicht gewesen sei, die beiden Ex-Spitzenkandidaten Martin Schulz und Jean-Claude Juncker politisch auseinanderzuhalten, so sehr habe der Konservative einen Teilzeit-Sozialdemokraten gegeben. "Einige haben den Scherz gemacht und nur noch von 'Julz' und 'Schuncker' gesprochen", erzählt Harms. Die Grünen hätten dann ein bisschen gelästert, nach dem Motto: "Na ja, die beiden Chlor-Hähne, die sind sich ja eigentlich in allem einig."

Juncker und Schulz

Nicht immer leicht auseinanderzuhalten - politisch: Juncker und Schulz im Wahlkampf

Gezerre von links und von rechts

Die Grünen wollen die Freihandelsgespräche mit den USA am liebsten abbrechen, Juncker will sie vorantreiben. Die Sozialdemokraten wollen, dass er mehr Geld ausgibt, um das Wachstum anzukurbeln und die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Die Konservativen setzen auf strikte Haushaltsdisziplin. Die Briten wollen weniger, die meisten anderen mehr Europa. Auch in Zukunft werden die einen am rechten Arm Junckers zerren, die anderen am linken. Dafür ist der Luxemburger als Experte beim Schmieden von Kompromissen genau der Richtige, sagen die einen. Andere meinen: Er habe längst allen Seiten etwas - und damit schon zu viel - versprochen.

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KOMMENTARE

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pkeszler 15.07.2014 • 11:17 Uhr

@AfDwaehlender E...

"Es wäre besser die EU abzuschaffen." Das ist nur eine Traumwunsch der AfD. Die Geschichte lässt sich aber nicht zurück drehen. Heute kann es nur darum gehen, Fehler die bei der Gründung der EU und später in den EU-Verträgen gemacht wurden, auszubessern. Zum Beispiel brauchen wir ein einheitliches Steuerrecht und eine einheitliche Verteidigungsstrategie ohne eine NATO-Bevormundung. Aber nicht Bestimmungen, die festlegen, wie krumm die Bananen sein dürfen. Für Deutschland bringt die EU sehr viele Vorteile, denn der meiste Export deutscher Güter findet innerhalb der EU statt. Deutschland hat nur in einer EU, in der alle EU-Länder gleichberechtigt zusammen arbeiten, eine Perspektive für die Zukunft.