Boris Johnson | AFP

Kritik an Öffnungsplänen Premier Johnson unter Beschuss

Stand: 06.07.2021 20:59 Uhr

Ärzte, Gewerkschaften und Opposition laufen Sturm gegen die angekündigten Corona-Lockerungen. Trotzdem plant die britische Regierung noch weitere Schritte - obwohl sie mit 100.000 Infizierten pro Tag rechnet.

Das angekündigte Ende aller Corona-Vorschriften in England hat einen Sturm der Entrüstung gegen den britischen Premierminister Boris Johnson ausgelöst. Insbesondere, dass die Maskenpflicht im Nahverkehr und in Geschäften aufgehoben werden soll, stößt bei Medizinern, Bürgermeistern, Gewerkschaften und Opposition auf teils heftige Kritik. Es sei besorgniserregend, dass Johnson die Lockerungen "mit Vollgas" durchsetze, sagte der Chef der Ärztevereinigung BMA, Chaand Nagpaul. Ihm zufolge besteht "eine klare Diskrepanz zwischen den Maßnahmen, die die Regierung plant, und den Daten und Ansichten von Wissenschaftlern und Ärzten."

Oppositionsführer Keir Starmer von der Labour-Partei nannte Johnsons Pläne "rücksichtslos", die Gesundheitswissenschaftlerin Devi Sridhar sprach bei Sky News von einem "massiven Experiment". Londons Bürgermeister Sadiq Khan kündigte an, das Maskentragen in U-Bahnen, Bussen und Zügen mit Verkehrsunternehmen und der Regierung zu besprechen.

Regierung erwartet deutlichen Anstieg der Fälle

Gesundheitsminister Sajid Javid verteidigte die Pläne - obwohl er einräumte, dass sie sich auf die Zahl der Neuinfektionen spürbar auswirken dürften. Im Radiosender BBC 4 sagte er: "Wenn wir lockern und in den Sommer starten, erwarten wir einen deutlichen Anstieg, die Zahl der Fälle könnte auf bis zu 100.000 (täglich) steigen". Trotzdem plant die britische Regierung weitere Öffnungsschritte: Ab dem 16. August müssten sich in England Erwachsene, die vollständig geimpft sind, nach einem engen Kontakt mit einem Corona-Positiven nicht mehr in Selbstisolation begeben, sagte Javid.

Javid verwies darauf, dass die erfolgreiche Impfkampane die Zahl der Krankenhauseinweisungen und Todesfälle stark reduziert habe. Mehr als 86 Prozent aller Briten haben mindestens eine Impfung erhalten, 64 Prozent sind bereits vollständig geimpft. "Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben.", sagte der Minister - und: "Es kann nicht nur immer um Corona gehen". Und tatsächlich sind es vor allen Dingen junge Menschen, die sich zuletzt mit dem Coronavirus infizierten - in ihrer Altersgruppe treten nur in seltenen Fällen schwerwiegende Komplikationen auf. 

Lob aus der Wirtschaft

Wirtschaftsvertreter reagierten erfreut auf die angekündigten Lockerungen. Der Branchenverband UK Hospitality, der Gaststätten und Tourismusbetriebe vertritt, lobte die Ankündigung als Meilenstein. Der Kneipenverband British Beer and Pub Association wies darauf hin, dass endlich mehr als 2000 Pubs öffnen könnten, die wegen strenger Abstandsregeln derzeit immer noch geschlossen haben. Auch die Veranstaltungsbranche zeigte sich begeistert.

Boris Johnson wird die Pläne seiner Regierung noch einmal verteidigen müssen: Er soll dem Ausschuss des Unterhauses in London Rede und Antwort stehen. Der Ausschuss ist der einzige, der den britischen Premierminister regelmäßig befragen darf - umgangssprachlich ist auch manchmal von "grillen" die Rede, weil der Regierungschef wenig Möglichkeiten hat, kritischen Fragen auszuweichen. Stoff für kritische Fragen gibt es mit den umstrittenen Plänen zur Aufhebung aller Corona-Maßnahmen genug.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Juli 2021 um 21:00 Uhr in den Nachrichten.

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