Boris Johnson | Bildquelle: DARREN STAPLES/POOL/EPA-EFE/REX

Johnson vor TV-Duell Traumjob? König der Welt!

Stand: 09.07.2019 08:14 Uhr

Boris Johnson wäre gern der König der Welt - sagt seine Schwester. Bald wird er wohl neuer britischer Premier. Für seinen Rivalen Hunt dürfte das parteiinterne Rennen gelaufen sein - egal wie er sich heute im TV-Duell schlägt.

Von Annette Dittert, ARD-Studio London

Als Boris Johnsons Schwester vor einiger Zeit gefragt wurde, ob ihr Bruder tatsächlich Premierminister werden wolle, da sagte sie: "Oh nein, er ist viel, viel ehrgeiziger." Was er wirklich werden wolle, das habe er ihr bereits als kleiner Junge erklärt. Er werde der König der Welt.

So wie es aussieht, wird Johnson Ende Juli erst einmal Premierminister. Seinen Größenwahn aber hat er sich bewahrt, und letzten Umfragen zufolge dürfte seine Strategie, sinnlos Optimismus zu verbreiten, auch aufgehen. Großbritannien ist bei ihm der großartigste Fleck der Erde, der chaotische "No Deal" deshalb kein Problem, und am 31. Oktober ist mit ihm in jedem Fall Schluss mit dem demütigenden Hin und Her. Bis dahin werde er "das Ding durchziehen" - koste es, was es wolle. Das kommt an.

Hunt - zunächst die Stimme der Vernunft

Sein Rivale Jeremy Hunt trat zwar zunächst als die Stimme der Vernunft an, taumelte dann aber schon bald in eine wenig elegante 180-Grad-Wendung und verficht seitdem ebenfalls den "No Deal"-Brexit als die ultimative Lösung. Mit schwerem Herzen zwar, wie er jüngst in der BBC zugab, aber dennoch.

Eine Drehung, die endgültig dafür sorgen dürfte, dass er in gut zwei Wochen als Verlierer vom Platz geht. Egal, wie energisch er sich heute Abend gegen Johnson schlägt. Denn warum sollten die konservativen Parteimitglieder einen halbherzigen Opportunisten zu ihrem Anführer machen, wenn sie einen richtigen haben können? Boris, das Original? Genau. Macht überhaupt keinen Sinn.

Jeremy Hunt | Bildquelle: ANDY RAIN/EPA-EFE/REX
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Jeremy Hunt: um 180 Grad gedreht und steht nun auch für den "No Deal"-Brexit als die ultimative Lösung.

Das einzig Interessante an Hunt war sowieso die Tatsache, wie schnell er seine ursprüngliche Strategie, also die mit der Vernunft, wieder einpacken musste. Denn mit Vernunft kann man den Tories derzeit nicht kommen. Die etwa 160.000 Mitglieder, die in diesen Tagen über den neuen Premierminister Großbritanniens abstimmen, haben sich in den vergangenen Monaten derart radikalisiert, dass für die Mehrheit hier nur noch der chaotische "No Deal"-Brexit überhaupt als "echter Brexit" in Frage kommt.

Brexit, "No Deal", BINO

Alles andere, selbst Theresa Mays Deal, der mit Austritt aus Zollunion und Binnenmarkt ein durchaus harter Brexit war, ist für diese Tories jetzt nur noch ein BINO, ein "Brexit in name only". Die reine Lehre, der wahre Glauben, das ist der "No Deal", der "clean break" mit der gloriosen Aussicht, dass das Thema dann ein für allemal erledigt ist.

In Wirklichkeit ist das natürlich keineswegs der Fall. Im Gegenteil: Ein "No Deal"-Brexit wäre die langwierigste und schlechteste Lösung für die Briten. Eine, bei der sie aus einer noch schwächeren Position, nämlich als Drittland um neue Verhandlungen in Brüssel bitten müssten. Verhandlungen, die sehr, sehr lange dauern dürften.

Aber darüber spricht derzeit kein Tory. Und warum auch? Mit solch hässlichen Details hat man sich schließlich drei Jahre lang nicht befasst, warum sollte man es jetzt tun? Und deshalb jubeln sie Johnson zu, seit er in diesem Wahlkampf einfach wieder von vorne angefangen hat, als sei die Einsicht, dass ein chaotischer Brexit dem Land massiven Schaden zufügen werde, nicht längst irgendwo eingesickert - in den Hinterköpfen.

Wenn Johnson scheitert ...

Johnson fegt sie davon, diese Schatten von Zweifel. Er, der den Briten den Brexit mit falschen Versprechungen und Halbwahrheiten beschert hat, will ihn jetzt auf dieselbe Weise zu Ende bringen. Und alle machen mit. Insofern ist es irgendwie folgerichtig, wenn er nun auch Premierminister wird - und damit verantwortlich für die Umsetzung seiner von ihm selbst angefachten Fantasien eines Empire 2.0. Und vielleicht sogar gut.

Denn, wenn Johnson scheitert, muss auch der letzte Gläubige auf der Insel einsehen, dass der Brexit als solcher zum Scheitern verurteilt war, und dass es womöglich besser gewesen wäre, wenn Boris stattdessen einfach der König der Welt geworden wäre.

May-Nachfolge: Johnson und Hunt stellen sich heute TV-Debatte
Thomas Spickhofen, ARD London
09.07.2019 06:57 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. Juli 2019 um 22:15 Uhr.

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