Der britische Außenminister Jeremy Hunt telefoniert während des Gehens mit seinem Handy. | Bildquelle: ANDY RAIN/EPA-EFE/REX

Kandidat für May-Nachfolge Jeremy Hunt - Politiker mit Geschäftssinn

Stand: 19.06.2019 12:27 Uhr

Vom Brexit-Gegner zum Austrittsbefürworter, vom netten Tory-Kollegen zum harten Hund: Außenminister Jeremy Hunt versucht, mit neuem Image im Rennen um das Amt des Premiers zu punkten.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

"Missverstehen Sie niemals britische Höflichkeit als britische Schwäche", rief Jeremy Hunt im vergangenen Herbst der EU zu. Da sprach der Außenminister auf dem Parteitag der Konservativen in Birmingham. Noch-Premierministerin Theresa May schwächelte bereits - es wurde Zeit für den netten Herrn Hunt, sich hier vor seiner Partei als harter Hund zu zeigen:

"Wenn Sie ein Land wie Großbritannien in die Ecke drängen, dann brechen wir nicht zusammen, sondern kämpfen."

Großbritannien - ein "Gefangener" der EU

Das kam gut an bei den Tories im Oktober 2018. Noch mehr Beifall bekam Hunt, als er die heutige Europäische Union mit der längst untergegangenen Sowjetunion verglich:

"Es war die Sowjetunion, die die Leute am Verlassen gehindert hat. Wenn Sie jetzt den EU-Verein in ein Gefängnis verwandeln, dann wird der Wunsch, da herauszukommen, nicht kleiner, sondern größer werden. Wir werden dann nicht der einzige Gefangene sein, der flüchten will."

Hunt hatte Nachholbedarf. Die Tories wollen nach dem Rücktritt von May unbedingt einen überzeugten Brexiteer an der Spitze. Und bis dato war Hunt nicht als solcher aufgefallen.

Erst Gesundheits-, dann Außenminister

Vor dem Referendum 2016 hatte er sich für den Verbleib in der Europäischen Union ausgesprochen. Und auch danach, als Gesundheitsminister, hatte Hunt vor den Folgen eines harten Brexits für das Nationale Gesundheitssystem gewarnt: Ein Viertel der Ärzte in Großbritannien komme aus dem Ausland, ohne sie würde das Gesundheitssystem zusammenbrechen. Hunt versicherte: "Wenn es um die geht, die aus der EU kommen, sagen wir klar: Wir wollen, dass sie auch nach dem Brexit bleiben."

Hunt merkte, dass viele Ärzte aus der EU nach dem Referendum Großbritannien den Rücken kehrten. Und neue ins Land zu holen, wurde schwieriger. Er startete deshalb ein Programm, um mehr eigenes, britisches Personal auszubilden.

Wie läuft die Wahl von Mays Nachfolger ab?

Für die Nachfolge von Theresa May als Tory-Vorsitzende und Premierministerin hatten sich insgesamt zehn Kandidaten aufgestellt. Zunächst wird im britischen Unterhaus ausgesiebt: Die Tory-Abgeordneten stimmen so lange über die Bewerber ab, bis nur noch zwei übrig sind. Die stellen sich dann in der Stichwahl dem Votum der landesweit rund 160.000 Parteimitglieder.

In der ersten Wahlrunde in der vergangenen Woche schieden bei der Abstimmung der Abgeordneten drei Kandidaten aus. Gesundheitsminister Matt Hancock zog seine Kandidatur selbst zurück. Nach der zweiten Abstimmung schied auch der ehemalige Brexit-Minister Dominic Raab aus. Heute findet im Unterhaus der nächste Wahlgang statt: 33 Befürworter aus der Fraktion muss jeder der Bewerber für ein Weiterkommen hinter sich vereinen. Bis Ende der Woche sollen die beiden "Finalisten" ermittelt werden.

Wer neuer Tory-Parteichef und damit Premierminister wird, soll in der Woche ab dem 22. Juli feststehen.

Nur ein Patzer - bei der eigenen Ehefrau

Im vergangenen Sommer wurde Hunt, nach Boris Johnsons Rücktritt, Außenminister. Die Diplomaten atmeten auf: Nach Johnsons Pleiten, Pech und Pannen steuerte Hunt die britische Außenpolitik souverän durch schwierige Zeiten - nur einmal trat er in ein Fettnäpfchen, als er seine chinesische Frau irrtümlich als Japanerin vorstellte.

Lucia Hunt, Ehefrau des britischen Außenministers Jeremy Hunt. | Bildquelle: FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA-EFE/REX
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Ausgerechnet bei der eigenen Ehefrau unterlief Hunt ein Patzer: Er stellte Lucia Hunt als Japanerin vor, sie stammt aber aus China.

Hunt ist der Sohn eines Admirals der Royal Navy. Er besuchte die 400 Jahre alte private Charterhouse School, studierte am Magdalen College in Oxford Philosophie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften und wurde dort Sprecher der konservativen Studentenvereinigung - der klassische Lebenslauf eines Tory-Premierministers.

Was ihn allerdings von seinem Konkurrenten Johnson unterscheidet, ist der unternehmerische Erfolg: Mit dem Versuch, englische Marmelade nach Japan zu exportieren, war er noch gescheitert, baute dann aber mit einem Freund zusammen eine Internet-Suchmaschine für Studiengänge auf. Nach dem Verkauf des Startups wurde er der reichste Minister im Kabinett May.

Als Unternehmer habe er Hunderte Jobs geschaffen, sagt Hunt. Mit seinen unternehmerischen Fähigkeiten wolle er auch den Brexit zum Erfolg machen - eine ernste Situation erfordere einen ernsthaften Politiker.

Porträt Jeremy Hunt
Jens-Peter Marquardt, ARD London
19.06.2019 11:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 19. Juni 2019 die tagesschau um 12:00 Uhr und NDR Info um 12:45 Uhr in den Nachrichten.

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