Menschen auf einem überschwemmten Markt in Sanaa | Bildquelle: dpa

30 Jahre vereinigter Jemen "Ein Tanz auf Schlangenköpfen"

Stand: 22.05.2020 07:56 Uhr

Im Jahr der deutschen Wiedervereinigung schlossen sich auch der Nord- und der Südjemen zu einem Staat zusammen. Doch 30 Jahre später ist das Land immer noch tief gespalten.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

"Das Volk will den Sturz des Regimes" rufen die Menschen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Im Frühjahr 2011 fordert eine große Gruppe von Demonstranten vor allem eins: dass Ali Abdullah Saleh zurücktritt.

Der Langzeitherrscher ist zu diesem Zeitpunkt seit mehr als drei Jahrzehnten an der Macht. Erst nur im Nordjemen; seit der Vereinigung 1990 auch im früher sozialistischen Südjemen. Dadurch kann Saleh auf die Ressourcen des gesamten Landes zugreifen - und die Einnahmen zum Beispiel aus dem Ölgeschäft verteilen, wie es ihm passt.

So gelingt es ihm, die unterschiedlichen Interessen der Stämme und Gruppen gegeneinander auszuspielen und seine Gegner in Schach zu halten. Salehs Strategie funktioniert, so lange noch Geld in der Staatskasse ist.

Jemens Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh | Bildquelle: REUTERS
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Jemens Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh, der 2017 von Huthi-Rebellen getötet wurde.

"Er soll verschwinden!"

"Meine Botschaft an Ali Abdullah Saleh lautet, dass er sich jetzt seine Lage anschaut, die Situation von Mubarak betrachtet und seine Lehre daraus zieht. Meine zweite Botschaft an ihn heißt: Er soll verschwinden!", rief damals ein Demonstrant in Sanaa.

Im Zuge der Volksaufstände in der arabischen Welt gehen auch viele Jemeniten auf die Straße. Die Armut in dem ärmsten Land der arabischen Halbinsel ist unter Salehs Herrschaft noch gewachsen. Korruption ist weit verbreitet, in vielen Landesteilen gibt es keine asphaltierten Straßen, keine Schulen, keine Krankenhäuser für die wachsende Bevölkerung.

Vor allem die Huthi, ein mächtiger Clan im bergigen Norden des Jemen, begehren auf. Seit 2004 hatten sie sich immer wieder Gefechte mit Einheiten der Zentralregierung geliefert und dabei immer mehr Angehörige der schiitischen Minderheit als Unterstützer gewonnen.

Doch Saleh gibt so leicht nicht auf: "Ich bin seit 32 Jahren an der Macht, das heißt: Ich habe sehr viel Erfahrung, die ich dem Volk friedlich übermitteln will - und nicht durch Chaos", sagt Saleh im März 2011 in einem Interview mit dem arabischen Sender Al-Arabiya.

Arabischer Frühling auch im Jemen

Während des so genannten arabischen Frühlings verbünden sich viele Stämme mit den Huthis, Teilen der Armee, mit etlichen sunnitischen Islamisten und protestierenden Jugendlichen gegen Saleh - jedenfalls vorübergehend. Er verliert das Präsidentenamt, kann aber mit Hilfe der Golfstaaten seinen ehemaligen Stellvertreter Abdel Rabbo Mansour Hadi als Nachfolger durchsetzen.

Saleh behält allerdings die Kontrolle über wichtige Armeeeinheiten. Den Jemen zu regieren, sei wie ein Tanz auf Schlangenköpfen, wird er gelegentlich zitiert. Selbst mit den Huthis, die mit dem Iran verbündet sind und die er lange bekämpft hatte, geht er nun eine Allianz ein.

Die nutzen die Schwäche des neuen Präsidenten Hadi aus und bringen 2015 weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle - auch die Hauptstadt Sanaa und Teile der südjemenitischen Hafenstadt Aden. Mohammad Al-Bukheiti von der damaligen Führungsriege der Huthi wirbt im Fernsehsender Al-Jazeera um Vertrauen: "Wir sind dabei, die Tyrannei zu besiegen, und wir versichern unseren Brüdern im Süden, dass wir nicht gegen sie sind, sondern eine Partnerschaft mit ihnen anstreben."

Präsident Hadi flieht erst in den Süden des Landes, dann ins Nachbarland Saudi-Arabien. Das Königreich will den Vormarsch der Huthis stoppen und greift 2015 militärisch ein. Innerhalb weniger Wochen will sie die Kämpfer aus dem Nordjemen besiegen - doch die verwickeln sie in einen Krieg, der mittlerweile länger als fünf Jahre dauert.

Rauch steigt hinter einem Gebäude der jemenitischen Hauptstadt Sanaa auf. | Bildquelle: AFP
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Seit Tagen kämpfen Salehs Truppen gegen die ehemals verbündeten Huthi-Rebellen.

Von Einheit meilenweit entfernt

Mehr als 100.000 Menschen sind dabei ums Leben gekommen, Millionen Jemeniten befinden sich auf der Flucht, zwei Drittel der Bevölkerung sind auf Nothilfe angewiesen - erst recht seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Die Vereinten Nationen nennen die Situation im Jemen "die schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt".

Gleichzeitig brechen die alten Konfliktlinien wieder auf: 2017 ermorden die Huthis Ali Abdullah Saleh. Inzwischen kontrollieren sie den Großteil des Nordjemens. Der Süden des Landes wiederum will sich wieder unabhängig machen. Im April rief der Übergangsrat die Selbstverwaltung in der provisorischen Hauptstadt Aden aus. Der Jemen ist schon lange keine Einheit mehr.

Wie ein Tanz auf Schlangenköpfen - 30 Jahre vereinigter Jemen
Anne Allmeling, ARD Kairo
21.05.2020 22:21 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL am 21. Mai 2020 um 15:51 Uhr.

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