Schulkinder stehen vor ihrer zerstörten Schule. | Bildquelle: AFP

Lage im Jemen Fest in den Fängen des Krieges

Stand: 29.03.2017 04:00 Uhr

Der Jemen ist ein zerstörtes Land: Das Bildungssystem und die Gesundheitsversorgung sind zusammengebrochen, von vielen Städten sind nicht mehr als Ruinen geblieben. Doch ein Ende der Kämpfe ist noch lange nicht absehbar.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

"Das Leben war so perfekt", sagt der Sechstklässler Adel und meint die Zeit zu Hause in Taiz. Doch plötzlich hatte die Familie fliehen müssen. Nun wohnt Adel 60 Kilometer weiter nördlich, in einem Flüchtlingscamp in Abb, eine Ewigkeit von Zuhause entfernt. "Eines Tages kam der Konflikt. Plötzlich vermisste ich meine Freunde. Unser Haus wurde bombardiert und wir konnten nicht mehr dort bleiben", erinnert sich Adel.

Taiz ist einer der Hotspots des Bürgerkriegs. Seit zwei Jahren wird die Stadt von drei Seiten aus von den Huthi-Rebellen belagert, ständig gibt es Gefechte. Für Adel ist "Taiz Geschichte, zerstört". Die meisten seiner Freunde seien getötet worden. "Wenn ich Facebook aufmache, kriege ich Nachrichten über weitere Freunde, die ich verloren habe. Ich hasse Facebook. Ich mache es nicht wieder auf. Wegen dieses Konflikts habe ich die wertvollsten Menschen in meinem Leben verloren", erzählt der Junge weiter.

Hunderte Kinder fallen Krieg zum Opfer

Der Krieg im Jemen trifft die Kinder am härtesten, sie sind noch verwundbarer als Erwachsene. Das vergangene Jahr war laut dem Kinderhilfswerk UNICEF ein besonders schlimmes: Die Zahl der Kinder, die dem Konflikt bisher zum Opfer gefallen seien, sei von 900 auf 1500 gestiegen. Die Zahl der Kinder, die verletzt worden seien, habe sich mit rund 2500 fast verdoppelt. Und die Zahl der Schulen, die zerstört worden seien, sei 2016 um das Vierfache angestiegen. Derzeit, so UNICEF, hätten zwei Millionen Kinder keine Möglichkeit mehr, zur Schule zu gehen.

Trotz der fürchterlichen Folgen des Kriegs macht keine der Konfliktparteien ernsthafte Anstrengungen, eine friedliche Lösung zu finden. Kürzlich musste der UN-Sondergesandte für den Jemen, Ismail Ould Cheikh Ahmed, feststellen, dass beide Seiten derzeit noch nicht einmal mehr miteinander reden.

Stattdessen tönte Ahmed al-Qana, Minister für Nationale Versöhnung der Huthi-Rebellen, am Wochenende: "Wir bestreiten nicht, dass das Land ruiniert worden ist, dass die Infrastruktur in allen Provinzen zerstört ist. Aber dennoch ergeben wir uns nicht - wir werden uns nie ergeben!"

Huthi Rebellen recken ihre Waffen in die Luft | Bildquelle: dpa
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Huthi Rebellen im Jemen

Luftangriffe treffen auch Schulen und Kliniken

Vor zwei Jahren trat Saudi-Arabien in den Krieg ein. Die Huthi-Rebellen hatten die Hauptstadt überrannt und Präsident Abded Rabbo Mansur Hadi vertrieben. Später verbündete sich auch der ehemalige Staatschef Ali Abdullah Saleh mit ihnen. Zusammen mit anderen arabischen Staaten wollen die Saudis die Huthis zurückdrängen. Doch immer wieder treffen die Kampfjets der Koalition zivile Ziele, wie Schulen und Krankenhäuser.

Nun ist das Gesundheitswesen am Rande des Zusammenbruchs: 15 Millionen Menschen können nicht mehr ärztlich versorgt werden, die Cholera ist auf dem Vormarsch. Und sieben Millionen Jemeniten wissen nicht, woher ihre nächste Mahlzeit kommt.

Dennoch: Auch Adnan Alkaf, Vizegouverneur der Provinz Aden und Gegner der Huthis, sieht keinen Grund für eine Kursänderung: "Wir sind dankbar für die Antwort der Koalition auf die Bitte von Präsident Hadi, die Huthi-Miliz und die Saleh-Loyalisten zu schlagen."

Kein Ende des Krieges in Sicht

Wie es heißt, hat der Iran seine Unterstützung für die Huthi-Rebellen in jüngster Zeit verstärkt, unter anderem mit der Lieferung weiterer Waffen. Dass der Jemen, der direkte Nachbar im Süden, in den iranischen Einflussbereich fallen könnte, ist für die Saudis unerträglich. Aus Sicht des jemenitischen Analysten Ali Saleh al-Khalaki ist klar: "Wegen der geopolitischen Faktoren und der Komplexität, die eine Folge der Intervention regionaler und internationaler Kräfte ist, wird dies ein langfristiger Krieg sein. Und wir können nicht erwarten, dass er bald endet."

Kein Ende für den Jemen-Krieg
Carsten Kühntopp. ARD Kario
28.03.2017 16:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete SWR2 am 29. März 2017 um 06:00 Uhr

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