Interview

Gespräch mit Robert Hetkämper "Die 'Fukushima 50' sind eine Legende"

Stand: 23.03.2011 17:54 Uhr

Die Regierung war verständlicherweise überfordert

tagesschau.de: Es gab Kritik, die Berichterstattung der westlichen Medien konzentrierte sich zu sehr auf die Kernkraftwerke und zu wenig auf die Folgen der Erdbeben und des Tsunamis. Was sagen Sie dazu?

Anwohner und Militär zwischen Trümmern in Yamamoto, in der Präfektur Miyagi.
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Angesichts der Entwicklung im Atomkraftwerk Fukushima I gerieten die Folgen von Erdbeben und Tsunami etwas aus dem Blickfeld.

Hetkämper: Diese Kritik hat sich sehr massiv gegen die japanische Regierung gerichtet. Die Bevölkerung warf ihr vor, dass sie sich hauptsächlich auf die mögliche nukleare Katastrophe konzentriert und die Hilfe für die Betroffenen des Tsunami vernachlässigt. Es mag sein, dass es so war. Die Regierung war verständlicherweise vollkommen überfordert von einem dreifachen Nackenschlag: dieses gewaltige Erdbebens, dieser unermesslich gewalttätigen Tsunami-Welle und obendrein die sich anbahnende Katastrophe in einem Kernkraftwerk. Das Desaster-Szenario ist fast comic-haft. Dass sich die internationalen Medien auf die drohende Katastrophe im Kernkraftwerk konzentriert haben, halte ich für verständlich. Das war ja eine weltweit brisante Geschichte, die die Politik in vielen Ländern beeinflusst, auch in Deutschland.

tagesschau.de: Ist es ein Problem für Sie, dass es ein sehr komplexes und letztlich wissenschaftliches Thema ist, was in einem Atomkraftwerk passiert, wie gefährlich die Strahlung ist? Wie kann man als Journalist mit so einem komplexen Thema umgehen auf eine Weise, dass man es den Leuten immer noch vernünftig erklären kann?

Hetkämper: Auf die technischen Details habe ich mich und meine Kollegen in der Berichterstattung nicht eingelassen, weil wir das nicht leisten können. Da gibt es zum Glück den einen oder anderen Experten in Deutschland, der das besser kann als wir. Was wir hier machen können, ist, all die Informationen zu bündeln, halbwegs Grund da hinein zu bringen und eine gewisse Tendenz klar zu machen. Technische Details mit unseren Mitteln als Reporter zu liefern, würde zu weit gehen. Das können wir nicht leisten.

"Ich wäre gern in Tokio geblieben"

tagesschau.de: Wenn man als deutscher Reporter vor Ort ist und beim Thema Kernkraft so sensibilisiert ist, wie fühlt man sich dann persönlich angesichts der Gefahr, möglicherweise radioaktiver Strahlung ausgesetzt zu werden?

Hetkämper: Mich hat das offen gesagt ziemlich kalt gelassen. Ich will nicht pathetisch werden. Aber in einer solchen Situation ist für mich der Job erst einmal wichtig. Die Journalistenpflicht stand für mich im Vordergrund. Persönlich habe ich keine Angst gehabt.

tagesschau.de: Die Frage ist doch aber, welches Risiko geht man für seinen Beruf ein, auch in diesem speziellen Fall, in dem man möglicherweise nicht sofort erfährt, wie groß die Gefahr wirklich ist.

Hetkämper: Wir haben uns von Experten in Hintergrundgesprächen regelmäßig informieren lassen. Wir haben auch ständig Kontakt mit der deutschen Botschaft. Bis zu dem Zeitpunkt, zu dem wir in Tokio waren, waren wir sicher, dass die Strahlenbelastung minimal war.

Wir sind weit über 20 Leute zusammen mit unseren japanischen Mitarbeitern. Das Team hat sagenhaft funktioniert, wenn man sich vorstellt, dass es für uns ein großer Stress war, weil sie oft von zu Hause angerufen wurden und mit den Ängsten der Eltern, Freunde konfrontiert wurden, die in Deutschland saßen und weniger Informationen als wir hatten und viel unruhiger und ängstlicher waren. Es gab bisweilen große Ängste im Team, weil man nicht wusste, was kommt. Dass wir schließlich nach Osaka umgezogen sind, war letztlich eine Anordnung unseres Arbeitgebers, des NDR. Ich wäre gern in Tokio geblieben. Aber der NDR hat schon recht gehabt, dass wir aus Tokio weggegangen sind.

Das Interview führte Silvia Stöber, tagesschau.de

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