Suchtrupps versuchen, aus den Trümmern in Izmir Menschen zu bergen | Bildquelle: AFP

Nach Erdbeben in der Türkei Mit jeder Stunde sinken die Hoffnungen

Stand: 02.11.2020 11:12 Uhr

Zwei Tage nach dem Erdbeben vor der Küste von Izmir versuchen die Rettungsteams mit Hochdruck, Überlebende aus den Trümmern zu befreien. Zuletzt konnten sie ein dreijähriges Mädchen retten, doch die Zeit läuft davon.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul, zzt. Izmir

In Izmir an der türkischen Westküste sinken die Chancen, Opfer des schweren Erdbebens vom Freitag noch lebend zu finden. Nach offiziellen Angaben sind 81 Menschen in Griechenland und in der Türkei ums Leben gekommen, rund 1000 wurden verletzt.

Aber noch immer gelingt es den Helfern, Menschen lebend aus den Trümmern zu holen. Ein dreijähriges Mädchen ist 65 Stunden nach dem schweren Erdbeben in der Türkei gerettet worden. "Wir haben unsere drei Jahre alte Elif in Izmir nach 65 Stunden lebendig aus den Trümmern gerettet. Wir sind hier, bis wir den Letzten erreicht haben", schrieb die Katastrophenschutzbehörde Afad auf Twitter.

Einige Stunden zuvor hatten die Rettungskräfte in Izmir in der dritten Nacht nach dem Beben bereits eine Überlebende gefunden. Nach 58 Stunden hatten sie das 14-jährige Mädchen entdeckt, berichten türkische Medien.

Allerdings seien ab 72 Stunden nach einem Beben die Chancen gering, sagen Experten. Der Countdown läuft.

Suche nach Überlebenden nach Erdbeben in Izmir
tagesschau 16:00 Uhr, 02.11.2020, Oliver Mayer-Rüth, ARD Istanbul

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Weiterer Überlebender gefunden

Spürhund Mavi war schon am Freitag erfolgreich und hat mitgeholfen, einen Verletzten zu orten. Unterdessen haben Hotels in der Millionenstadt eine Solidaritätsaktion gestartet. Wer nicht mehr in seine Wohnung zurück kann, kommt erstmal bei ihnen unter.

Mavi tollt über einen eingezäunten Sportplatz in Izmir. Der schwarze Labrador hat Pause. Er ist einer der Spürhunde, die gleich um die Ecke bei einem eingestürzten Haus zum Einsatz kommen. Mavi ist fünf Jahre alt und folgt seinem Frauchen aufs Wort. Er bellt nicht, nur wenn er in den Trümmern etwas wittert, wie am Freitagnachmittag kurz nach dem Erdbeben. Tatsächlich wurde später dort ein Überlebender gefunden.

Ebru ist Mavis Hundeführerin. "Ich sehe da Kleidung von Kindern, ihre Bücher, alles ist durcheinander. Ich bete ständig", sagt sie. In den Trümmern des Hauses, wo sie mit ihrem Spürhund arbeitet, werden noch Kinder in einer Zahnarztpraxis im ersten Stock vermutet. Die Verlobte des Zahnarztes wartet vor dem Haus.

"Einige Menschen kriegen die Krise, was sehr nachvollziehbar ist. Da sind so viele Gefühle im Spiel", sagt Ebru. Sie versuche einfach zu helfen. "Hoffentlich finden wir noch Überlebende."

Zwischen Hoffen und Bangen

Mavi sitzt ganz brav neben ihr und schaut aufmerksam auf, als wüsste der Labrador, wovon sein Frauchen erzählt. Ein paar Meter die Straße runter sitzt Neysla mit ihren Kindern, Eltern und Tanten vor einem Zelt auf einer Decke. Hier haben sie die Nacht verbracht. Ihr Haus steht zwar noch, aber zurück kann sie nicht. "Früher oder später werden wir wieder heim müssen, aber erst wenn ich nicht mehr so viel Angst hab", sagt die Mutter. Sie sei psychisch im Moment so angeschlagen, dass sie sich nicht einmal vor das Haus traue. "Es war einfach so schlimm."

Ihr kleiner Neffe sei noch dort verschüttet, erzählt die 32-jährige. "Hoffentlich werden sie alle lebend gerettet. Dafür beten wir", sagt sie. Ihr Leben spiele sich zwischen Hoffen und Bangen ab. Gestern hätten die Helfer einen Mann aus den Trümmern geholt. Danach sei eine Frau tot geborgen worden. "Das ist ein ständiges Auf und Ab", sagt Neysla.

Hotelzimmer für Obdachlose

Am Samstagabend war Präsident Recep Erdogan in Izmir. Neysla hätte ihn gerne gesehen, aber sie ist nicht durchgekommen. Sie ist so dankbar für all die Hilfe. "Man kümmert sich gut um uns. Ich danke unserem Staat, Gott schütze ihn", sagt sie. Ihrer Familie fehle es an nichts. Sie hätten Decken bekommen und Windeln für die Kleinen. Überall seien Helfer.

Einer der auch einfach hilft, ist Sadik Öztürk. Der 72-jährige hat zwei kleine einfache Hotels in Izmir. Er sitzt in seinem winzigen Büro gleich neben dem Eingang. Zusammen mit Kollegen hat er eine Solidaritätsaktion gestartet. Die, die ihr Dach über dem Kopf verloren haben, dürfen erstmal bei ihnen wohnen.

"Sie kriegen auch Frühstück, wenn sie wollen. Wir verlangen nichts dafür", sagt der Gastronom. Er und seine Kollegen wollen nur was Gutes tun. Im Moment haben sie 42 Leute aufgenommen. Und sollten noch einmal so viele kommen, würden sie auch noch mehr aufnehmen. "Wer auch immer obdachlos ist, kann kommen und in unseren Hotels übernachten."

Besser vorbereitet als 1999

Auf den Grünflächen der betroffenen Viertel von Izmir haben Helfer ziemlich schnell eine Infrastruktur aufgebaut. Es gibt Zelte, Dixi-Klos und Suppenküchen. Cihan ist mit einem Stand der Stadtverwaltung Kocaeli bei Istanbul angereist. Er schenkt heißen Tee aus, während er sich an das Erdbeben 1999 bei Istanbul erinnert, bei dem Tausende ums Leben kamen.

"Das hier jetzt ist perfekt organisiert. 1999 war man überhaupt nicht vorbereitet", sagt er. Damals habe es überhaupt keine richtige Rettungsorganisation gegeben. Jetzt gebe es in jeder Provinz, in jeder Stadt und in jedem Stadtteil Rettungsdienste, die jederzeit bereit seien. Er zeigt auf ein eingestürztes Haus; 150 professionelle Helfer seien dort gerade im Einsatz. Bei Istanbul seien es damals pro Gebäude höchstens drei bis fünf gewesen, erzählt er.

Cihan hatte das schlimme Erdbeben 1999 selbst miterlebt. Er schüttelt immer noch fassungslos den Kopf. Beim jetzigen Unglück sei die Türkei besser vorbereitet. "Aus allen Himmelsrichtungen des Landes, von Ordu bis Adana und Erzurum sind Helfer da", sagt Cihan.

Die Chancen schwinden

Auch Ebru, die Hundeführerin, hat Erdbebenerfahrung. Sie war vor 25 Jahren verschüttet und gefunden worden. Das hat sie zu ihrem freiwilligen Einsatz jetzt in Izmir motiviert. "Ich bin zum ersten Mal als Helferin auf ein eingestürztes Gebäude gestiegen, vorher nur als Erdbeben-Überlebende", sagt sie. Sie habe keine Angst gehabt. "25 Jahre lang habe ich das Bedürfnis gespürt, zu helfen. Deshalb bin ich gerade glücklich."

Mavi, ihr schwarzer Labrador, darf sich noch ein bisschen ausruhen bis zum nächsten Einsatz. Die Chancen, dass er noch mal anschlägt und Verschüttete im Trümmerhaufen wittert, sinken allerdings Stunde um Stunde.

Sinkende Chancen für Verschüttete im türkischen Erdbebengebiet Izmir
Karin Senz, ARD Istanbul
02.11.2020 06:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. November 2020 um 09:00 Uhr.

Korrespondentin

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