Ermittlungen wegen Betrugs in der ersten Liga Wettskandal überschattet Italiens EM-Vorbereitungen

Stand: 29.05.2012 08:54 Uhr

Ermittlungen gegen zahlreiche Spieler und Trainer, Festnahmen - selbst gegen Trainer Conte von Meister Juventus wird wegen Wettbetrugs ermittelt. Und dennoch: Von Problembewusstsein kann im italienischen Fußball keine Rede sein. Manche sehen den Skandal gar als gutes Omen.

Von Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom

19 Haftbefehle, 30 weitere Verdächtige - kurz vor der Europameisterschaft hat sich der Manipulations- und Betrugs-Skandal im italienischen Fußball erheblich ausgeweitet. Ermittelt wird nämlich schon seit einem Jahr, zahlreiche Festnahmen gab es bereits, nun haben Italiens Ermittler aufgrund von Kronzeugen-Aussagen und neuen Beweisen gestern erneut eine Großaktion gestartet - und diesmal trifft es auch die erste Liga und sogar die italienische Nationalmannschaft.

Polizeibeamte durchkämmten gestern in aller Frühe das Trainingsquartier der Azzurri bei Florenz, weckten Abwehrspieler Domenico "Mimmo" Criscito, untersuchten sein Zimmer und übergaben ihm einen Ermittlungsbescheid. Criscito, derzeit bei einem russischen Verein, soll in seiner Zeit bei Genua am Verschieben von Spielen beteiligt gewesen sein, lautet der Vorwurf.

Nationalspieler Criscito muss zu Hause bleiben

Italiens Star-Verteidiger Domenico Criscito.
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Verteidiger Domenico Criscito - seinetwegen wurde das Quartier der National-Elf am Montag durchsucht.

Die Reaktion des Fußballverbandes kam schnell - Criscito fährt nicht mit zur EM. Nationaltrainer Cesare Prandelli: "Warum ich Mimmo nicht mitnehme ist einfach: Er wäre in diesen Tagen nicht nur medienmäßig einem enormen Druck ausgesetzt, den niemand aushalten kann. Er ist deswegen auch ziemlich fertig, daher ist es unmöglich, dass er sich für so einen wichtigen Wettbewerb vorbereiten kann. Ein anderer Grund ist, dass er verhört werden wird und vielleicht hätte er direkt vor einem Spiel zum Verhör gehen müssen."

Criscito ist übrigens nicht der einzige aktive Nationalspieler gegen den ermittelt wird. Gestern am frühen Abend hieß es, die Ermittler hätten auch Leonardo Bonucci unter Verdacht, an Schiebungen beteiligt gewesen zu sein. Das ist besonders peinlich, denn Bonnucci spielt für Juventus Turin, aktuell wieder italienischer Meister, aber auch der Verein, der den Korruptionsskandal kurz vor der WM vor sechs Jahren auslöste und dafür mit Zwangsabstieg bestraft wurde.

Ermittlungen auch gegen Juventus-Trainer Conte

Noch peinlicher: Auch gegen den Trainer des italienischen Meisters, Antonio Conte, wird ermittelt - es geht um Spiele, als Conte noch den AC Siena betreute. Der streitet aber alles ab und beschwerte sich gestern melodramatisch mit gebrochener Stimmer auf einer Pressekonferenz: "Heute bekam ich den Bescheid, dass gegen mich ermittelt wird, wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Mein Haus wurde durchsucht und ich war noch nicht mal da. Warum wurde ich vom Staatsanwalt aus Cremona nicht vorher benachrichtigt oder angehört, bevor ich offiziell verdächtigt werde?"

Möglicherweise, damit er seinen Computer nicht in Sicherheit bringen konnte - der wurde nämlich erst mal beschlagnahmt. Juventus' Präsident Andrea Agnelli bekräftigte jedoch, er glaube an Contes Unschuld: "Antonio ist unser Trainer und er bleibt es. Im nächsten Jahr haben wir eine Champions-League zu bestreiten, spielen also auf höchstem europäischem Niveau, und Antonio wird derjenige sein, der uns anführt."

Kein Problembewusstsein erkennbar

Juventus-Coach Antonio Conte - im Hintergrund Sponsor "Betclic"
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Juventus-Coach Antonio Conte - im Hintergrund Sponsor "Betclic"

Ein wie auch immer geartetes Problembewusstsein war übrigens bei keinem Beteiligten zu erkennen. Daher wirkt es wie ein Sinnbild dieses Skandals, dass beide fernsehgerecht vor einer Sponsorwand sassen, auf der ausgerechnet der Internet-Wettanbieter "Betclic" beworben wurde. "Lastbet" - Letzte Wette, haben die Ermittler ihr Untersuchungsverfahren getauft.

Der Cremoneser Oberstaatsanwalt Roberto di Martino erklärt, um welche Summen es hier geht: "Beim Spiel Lazio gegen Lecce, das wissen wir aus dem Rechtshilfeersuchen an Ungarn, wurden etwa zwei Millionen Euro Gewinn mit Fußballwetten gemacht und etwa 600.000 Euro wurden aufgewendet, um die Spieler zu bestechen."

Skandal als gutes Omen?

Lazio-Kapitän Stefano Mauri - ein Kollege von Miroslav Klose also - sitzt deswegen seit gestern in Untersuchungshaft, genauso wie Omar Milanetto, aktuell bei Padua, vorher bei Genua. Auch sie sollen mit dem osteuropäisch-balkanischen Wettbetrügerring zusammengearbeitet und zahlreiche Spiele verschoben haben. Ex-Nationalspieler Daniele de Rossi sagte gestern erschüttert, dieser Skandal sei schlimmer als der vor sechs Jahren. Bei seinem Kollegen aus der Weltmeisterelf, Marco Materazzi, kann man allerdings glatt auf den Gedanken kommen, dass der Zidane-Kopfstoß im Endspiel 2006 bleibende Folgen hinterlassen hat. Materazzi verkündete nämlich zynisch, man könne das doch als gutes Omen sehen. Kurz nach Aufkommen des letzten großen Bestechungsskandals sei Italien schließlich Weltmeister geworden.

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