Nicola Zingaretti

Zingaretti führt Italiens Linke Salvinis neuer Gegenspieler Nr. 1

Stand: 04.03.2019 19:37 Uhr

Ein Pragmatiker, der in keine Schublade passen will. Außer in eine: die des Siegertypen. Nicola Zingaretti soll Italiens Mitte-links-Lager wieder in die Offensive führen. Jörg Seisselberg über den neuen Gegenspieler Salvinis. 

 Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Wer ihn als vor allem links bezeichnet, erntet von Nicola Zingaretti Widerspruch. Der neue Chef der Demokratischen Partei Italiens sieht sich selbst in erster Linie als Siegertyp: "Ich weise darauf hin, dass ich der einzige Vertreter der Demokratischen Partei bin, der seit zwölf Jahren jede Wahl gewonnen hat, zu der er angetreten ist. Weil ich ein Mensch bin, der Stimmen von Mitte-rechts und von Mitte-links bekommt."

Zingaretti zum Chef der Demokratischen Partei gewählt

Der Präsident der italienischen Region Latium, Nicola Zingaretti, ist neuer Vorsitzender der Demokratischen Partei in Italien. Der 53-Jährige wurde am Sonntag in einer Basisabstimmung nach vorläufigen Ergebnissen mit 65 bis 70 Prozent der 1,5 Millionen Stimmen gewählt, wie die Partei mitteilte. Eine genaue Zahl konnte nicht genannt werden. Wahlberechtigt waren alle Italiener und Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis ab 16 Jahren, sofern sie sich vorher hatten registrieren lassen. Zingaretti kommt nun die Aufgabe zu, die sinkenden Umfragewerte der Partei wieder nach oben zu bringen. Ihre Wähler waren insbesondere zu der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung übergelaufen. Sie ist derzeit die stärkste Partei im Parlament. Die Demokraten stellen die größte Oppositionspartei.

Besonders eindrucksvoll hat Zingaretti vor ziemlich genau einem Jahr seine Fähigkeit bewiesen, über Parteigrenzen hinweg Wähler für sich zu gewinnen. Während die Demokratische Partei bei den Parlamentswahlen eine desaströse Niederlage erlitt, verteidigte Zingaretti am selben Tag sein Amt als Regionalpräsident im Latium. Mehr als 100.000 Wähler, die auf nationaler Ebene für die Fünf-Sterne-Bewegung und die Lega Nord stimmten, wählten in der Region Zingaretti und verhalfen ihm zum Sieg.

"Ich schöpfe eine große Kraft daraus, dass ich seit zehn Jahren auf Provinz- und Regionalebene Verantwortung trage. Wenn du diese Arbeit gut machst, führt das dazu, dass du jeden Tag konfrontiert bist mit den Wartelisten im Krankenhaus, der Situation in den Bussen, mit dem konkreten Leben."

Image als pragmatischer Macher

Zingaretti pflegt sein Image, nah bei den Menschen zu sein: Einer der zuhört, der die Probleme seiner Wähler kennt. Ein pragmatischer Macher, der sich gegen Schubladen wehrt, aber am Ende auch gegen das Etikett links nichts einzuwenden hat. "Wenn jemand denkt, das Wort links sei ein Problem, dann weist das eher darauf hin, dass derjenige selbst ein Problem hat, der diese Theorie vertritt."

Nicola Zingaretti | Bildquelle: Alessandro Di Marco/EPA-EFE/REX
galerie

Personifizierte Hoffnung der italienischen Linken: Nicola Zingaretti

Zingarettis politische Biografie ist ein wenig die jüngere Geschichte der italienischen Linken unter dem Brennglas. Der neue Hoffnungsträger war Ende der 1980er-Jahre Regionalchef des Jugendverbands der euro-kommunistischen Partei. Nach dem offiziellen Wandel der Kommunisten zu Linksdemokraten zog er für diese ins Europaparlament ein und wurde 2006 Regionalvorsitzender.

Nach Gründung der Demokratischen Partei kandidierte Zingaretti erfolgreich als Präsident der Provinz Rom. Damals, 2008, kannten die meisten Italiener den heute 53-Jährigen noch als "den Bruder von…". Bis heute ist Luca Zingaretti, der vier Jahre älter ist als Nicola, der populärere der beiden erfolgreichen Brüder.

Hilfe vom großen Bruder

Luca Zingaretti erzielt seit fast zwei Jahrzehnten im italienischen Fernsehen Millionen-Einschaltquote in der Rolle des Commissario Montalbano. Vor zehn Jahren gab er seinem kleinen Bruder bei dessen ersten Wahl zum Provinz-Präsidenten öffentlich Starthilfe und warb für ihn auf der Wahlkampfbühne. "Nicola kenne ich, seit er klein ist. Genauer gesagt, seit er ganz klein ist. Ich kenne seine Fähigkeiten. Aber ich kenne auch seine Eigenschaften, die selten und daher so wertvoll sind: Seine Leidenschaft, seine Ehrlichkeit, sein Wirklich-an-etwas-Glauben", so Luca Zingaretti über seinen Bruder Nicola.

Als neuer Chef der Demokratischen Partei will der jüngere der Zingaretti-Brüder, deren Urgroßmutter in Auschwitz ermordet wurde, auf die Themen Schule, Wissen, Arbeit und Gerechtigkeit setzen. Die populistische Regierung in Rom nennt Nicola Zingaretti "illiberal und gefährlich". Er weiß: Auf ihm ruhen jetzt die Hoffnungen des italienischen Mitte-links-Lagers, ab sofort ist er Gegenspieler Nummer eins der Regierung, der Salvinis, Di Maios und Co. 

Die beiden stellvertretenden Regierungschefs Italiens, Luigi di Maio und Matteo Salvini, im Parlament | Bildquelle: dpa
galerie

Zingaretti hält die populistische Regierung von Luigi di Maio (links) und Matteo Salvini für "illiberal und gefährlich".

Nicola Zingaretti - Hoffnungsträger für einen Wechsel in Italien
Jörg Seisselberg, ARD Rom
04.03.2019 17:53 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. März 2019 um 12:51 Uhr.

Darstellung: