Mattia Santori, Gründer der "Sardinen"-Demonstrationen, bei der Demonstration auf der Piazza della Republica in Florenz Ende November. | Bildquelle: AFP

Bewegung gegen Rechtspopulismus Die "Sardinen" mischen Italien auf

Stand: 14.12.2019 03:43 Uhr

Zu den Aktionen der "Sardinen", die zum Protest gegen Italiens Rechtspopulisten aufrufen, kommen Zehntausende. Heute wollen sie in Rom demonstrieren - und sich mit Salvinis Anhängern messen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Drei-Tage-Bart, die dunklen Locken mit einem Haarreif nach oben gedrückt und um den Mund ein tiefenentspanntes Lächeln. Mattia Santori wirkt vor der versammelten Auslandspresse in Rom, als könnte er gleich ein Frisbee herausholen und in die Runde werfen.

Freizeitsportarten zu unterrichten war bis vor ein paar Wochen ein Job des 32 Jahre alte Energieberaters und Sportlehrers aus Bologna - bis er gemeinsam mit einer Handvoll Freunden die sogenannte Sardinen-Bewegung erfand.

Für heute organisiert Santori im Zeichen der Sardine eine Demonstration, die eine der größten der vergangenen Jahre in Italien werden könnte - auch wenn er selbst abwiegelt: "Das Schöne an den Veranstaltungen der Sardinen ist, dass du bis eine Minute vorher nicht weißt, ob 1000 Menschen kommen, 100 oder 100.000", sagt er.

Aus Ärger über Salvini wurde eine Bürgerbewegung

Entstanden ist die Graswurzel-Bewegung, die dabei ist, Italiens Politik aufzumischen, vor etwas mehr als vier Wochen. Santori ärgerte sich darüber, dass Matteo Salvini, der Führer der rechten Lega, sich im traditionell roten Bologna anschickte, die größte Sporthalle der Stadt zu füllen.

Gemeinsam mit seinen Wohnungsnachbarn Andrea Garreffa, einem Organisator von Fahrradreisen, dem Ingenieur Roberto Morotti und der Physiotherapeutin Giulia Trappoloni mobilisierte er über soziale Netzwerke einen Gegenprotest.

Eng wie die Sardinen sollten die Menschen auf dem zentralen Platz Bolognas zusammenstehen gegen Populismus und Intoleranz - 12.000 Menschen kamen. Reden waren nicht erlaubt, auf gebastelten Papp-Sardinen durften Protestparolen in die Höhe gereckt werden. Gesungen wurde spontan - die antifaschistische Partisanenhymne "Bella Ciao".

In den Wochen danach schwappte die "Sardinen"-Bewegung durchs Land, in fast allen großen Städten Italiens gingen Menschen auf die Straße - zuletzt 40.000 in Mailand. "Besser Tausende Sardinen heute, als einen Salvini morgen", war auf einem Protestschild zu lesen. Heute in Rom adelt sich die "Sardinen"-Initiative mit ihrer wahrscheinlich bislang größten Kundgebung endgültig zur nationalen Protestbewegung.

Roberto Morotti, Mattia Santori und Andrea Garreffa (v.l.n.r.) von der italienischen Sardinen-Bewegung. | Bildquelle: AP
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Roberto Morotti, Mattia Santori und Andrea Garreffa (v.l.n.r.) von der italienischen Sardinen-Bewegung.

"Gegen die geschrieene Politik" der Populisten

Christian Blasberg, Dozent für Politische Geschichte an der römischen Universität Luiss, sagt über die "Sardinen": "Es geht darum, eine gewisse Moral und einen gewissen Stil in das Land zurückzubringen. Diese Bewegung wendet sich gegen die sogenannte geschrieene Politik - das heißt gegen diejenigen, die mit populistischen Tönen in den letzten Jahren die italienische Politik bestimmt haben."

Die Gegner einer Rechtswende in Italien, die sich von den Parteien nicht ausreichend vertreten fühlen, scheinen in der Sardinen-Bewegung ein Ventil zu finden.

Der Populismus, kritisiert Santori, der Frisbee-unterrichtende Demoorganisator, habe dazu beigetragen, das politische Klima in Italien zu vergiften. Als Beispiel nennt er Parolen Salvinis und seiner rechten Lega.

"Jeder von uns wird begreifen, dass der Slogan "Die Italiener zuerst" das Problem der Einwanderung nicht lösen kann", sagt Santori. "Dass die Slogans über den Euro nicht die wirtschaftlichen Probleme lösen. Lasst uns das den Menschen erklären, dass es eine Komplexität der Politik gibt, die gesucht und belohnt werden muss."

Bis zu 200.000 Teilnehmer erwartet

Wie immer auf Demonstrationen der "Sardinen"-Bewegung, die Gewaltfreiheit als ihr oberstes Prinzip nennt, ist auch heute in Rom keine Bühne für große Reden vorgesehen. Es wird nur ein kleines bewegliches Podest geben, mitten zwischen den Teilnehmern.

Von dort, so Santori, sollen "einfache Menschen" aus der Welt der Kultur, des Theaters, der Poesie, aber auch des Verfassungsrechts sprechen. 

Auch wenn Santori und Freunde öffentlich keine erwartete Teilnehmerzahl nennen: Zielmarke dürfte die Zahl 200.000 sein. So viele Menschen hat an selber Stelle vor drei Monaten Matteo Salvini nach eigenen Angaben auf die Beine gebracht. Der Anspruch der "Sardinen"-Bewegung war es bislang an jedem Ort, zu beweisen, dass sie mehr Menschen mobilisieren kann, als der Chef der rechten Lega.

Großdemo der "Sardinen": Protestbewegung mischt Italiens Politik auf
Jörg Seisselberg, ARD Rom
13.12.2019 19:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Dezember 2019 um 06:53 Uhr.

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