Die italienische Holocaust-Überlebende Liliana Segre | Bildquelle: dpa

Antisemitismus in Italien Polizeischutz für Holocaust-Überlebende

Stand: 07.11.2019 23:18 Uhr

Unermüdlich klärt Liliana Segre in Italien über den Holocaust auf. Doch weil die 89-jährige Zeitzeugin immer wieder Drohungen erhält, wird sie künftig stets von Polizisten begleitet.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Liliana Segre darf sich nur noch unter Polizeischutz bewegen. Es ist eine Nachricht, die in Italien bei vielen Betroffenheit auslöste. Unter anderem bei Roms ehemaligem Bürgermeister Walter Veltroni. "Was der Senatorin Segre widerfährt, ist etwas, das dieses Land und sein demokratisches Gewissen verletzt", kommentiert er die Entwicklung. "Es ist unvorstellbar, dass eine Frau, die den Horror der Shoah erlebt hat, unter Polizeischutz leben muss."

Die 89 Jahre alte Segre ist eine der prominentesten Holocaust-Überlebenden in Italien und eine engagierte Zeitzeugin, die regelmäßig auf Veranstaltungen Jugendliche trifft, um von ihrer Deportation ins KZ Auschwitz-Birkenau im Januar 1944 zu erzählen. Staatspräsident Sergio Mattarella hatte sie Anfang 2018 für ihre Verdienste im Kampf gegen das Vergessen zur Senatorin auf Lebenszeit ernannt.

In einer Parlamentsdebatte im vergangenen Monat sagte Segre: "Ich bin Opfer des Hasses gewesen. Und auch jetzt bin ich offensichtlich ein Symbol, das stört." 200 Hassbotschaften erhalte sie täglich über die sozialen Netzwerke.

Die italienische Holocaust-Überlebende Liliana Segre | Bildquelle: DANIEL DAL ZENNARO/EPA-EFE/REX
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Unermüdlich sucht Liliana Segre die Öffentlichkeit, um von ihrem Schicksal zu berichten und aufzuklären. Deswegen schlägt ihr in Italien immer wieder Hass entgegen.

Rechtsextreme beklagen "verordneten Antifaschismus"

Künftig wird die Senatorin stets von Sicherheitskräften begleitet, wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegt. Der Präfekt ihrer Heimatstadt Mailand, Renato Saccone, ordnete den Polizeischutz an - nicht nur wegen des Hasses im Netz, sondern auch angesichts der Proteste bei Veranstaltungen, an denen die Holocaust-Überlebende teilnimmt.

Erst am Dienstag hatte die rechtsextreme Kleinpartei Forza Nuova vor einem Treffen Segres mit Schülern in Mailand gegen ihren Auftritt mit einem Transparent protestiert, auf dem von "verordnetem Antifaschismus" die Rede war.

Der Hass nimmt zu

Für Silvia Brena, mitverantwortlich für den seit vier Jahren in Italien erscheinenden "Atlas der Intoleranz", ist der Hass in den sozialen Netzwerken gegen die Holocaust-Überlebende Segre keine Ausnahme. "Wir stellen einen klaren Anstieg des Antisemitismus fest." Mittlerweile seien 70 Prozent aller Tweets in Italien, die mit dem Thema Juden zu tun hätten, negative beziehungsweise Hass-Tweets, erzählt Brena. "Das heißt, dass die Personen, wenn sie online gehen, um sich über Juden zu äußern, dies mit der klaren Absicht tun, Hass zu verbreiten."

Der "Atlas der Intoleranz", an dem mehrere italienische Professorinnen und Professoren mitwirken, beobachtet schwerpunktmäßig die Entwicklung der Zahl von in Italien gesendeten Hass-Posts bei Twitter. Neben einem zunehmenden Antisemitismus, so Brena, habe es im vergangenen Jahr auch einen Zuwachs rassistischer und antiislamischer Äußerungen gegeben.

Ein Ausschlag nach oben bei der Zahl der Hass-Posts werde häufig von politischen Debatten und Äußerungen ausgelöst. "Eine Strömung des in Italien heute sehr starken 'Souveränismus' hat zweifellos beigetragen zu einem Anstieg der Intoleranz."

In einer vom italienischen Staatsfernsehen Rai in Auftrag gegebenen Umfrage sagten 69 Prozent der befragten Italiener, sie sähen derzeit einen Anstieg des Antisemitismus im Land.

Die harte Antwort bleibt oft aus

Der italienische Senat hat vor kurzem auf Antrag Segres beschlossen, eine parlamentarische Kommission gegen Hasskriminalität, Rassismus und Antisemitismus zu bilden. Die Rechtsparteien um die von Matteo Salvini geführte Lega enthielten sich bei der Abstimmung. Roms ehemaliger Bürgermeister Veltroni, der den italienischen Sozialdemokraten angehört, sagte: "Auf das Wiederaufkommen des Antisemitismus müsste mit einer harten Antwort von allen politischen Kräften reagiert werden. Leider geschieht dies nicht immer."

Polizeischutz für prominente Holocaust-Überlebende in Italien
Jörg Seisselberg, ARD Rom
07.11.2019 20:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 07. November 2019 um 13:46 Uhr.

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