Menschen gehen eine Straße in Rom entlang | Bildquelle: AFP

Corona-Krise Italiens "ausgeschlossene Generation"

Stand: 24.06.2020 08:55 Uhr

In Italien machen gerade etwa eine halbe Million Schülerinnen und Schüler ihr Abitur. Der Start ins Arbeitsleben war vorher schon schwierig, die Corona-Krise hat die Aussichten weiter verschlechtert.

Von Elisabeth Pongratz, ARD-Studio Rom 

Denise ist eine fröhliche junge Frau, 23 Jahre alt. Lächelnd steht sie auf der Piazza Navona im historischen Zentrum von Rom und erzählt: "Ich hatte ganz viele Pläne und habe ganz viel gearbeitet dafür. Und jetzt mache ich meine Arbeit und habe keine andere Wahl. Vorher hatte ich eine Wahl und jetzt nicht mehr."

Über ihrer Schulter hängt ihre Spiegelreflexkamera, denn Denise will Fotografin und Fotoreporterin werden. Oder besser gesagt: wollte. Seit Corona kam, ist nichts mehr wie vorher. "Meine ganzen Kontakte in der Fotografie sind jetzt zuhause und arbeiten nicht." Deswegen arbeite sie wieder in ihrem Job als Kellnerin.

1200 Euro als Kellnerin

1200 Euro verdient sie, kommt gerade so über die Runden. Doch die junge Frau, die in Rom geboren ist und eine österreichische Mutter hat, weiß, dass viele andere ihrer Generation gar nichts finden. Sie machen sich Sorgen. Das ergab eine internationale Umfrage angesichts von Corona.

"Weil die Situation der Jugendlichen, was eine angemessene Ausbildung betrifft und ihren Einstieg in die Arbeitswelt, schon vor der Gesundheitskrise problematisch war", sagt Alessandro Rosina, Demografieprofessor an der Università Cattolica von Mailand.

Der Lockdown habe besonders die Produktion betroffen und damit auch die Möglichkeit neuer Anstellungen oder auch die Verlängerung von Verträgen. Die Jungen, meint Rosina, seien offen für technologische Innovationen oder auch die Green Economy. Aber bisher sei zu wenig für diese Bereiche getan worden.

Expertenrunde in der Villa Pamphili

Tagelang saß die Regierung unter Ministerpräsident Giuseppe Conte in der schönen Villa Pamphili mit Experten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zusammen und beriet über Reformen. Wo kann wie am besten das Geld verteilt werden?

Die Bedürfnisse der jungen Menschen spielten bei den Diskussionen kaum eine Rolle, meint Demografieprofessor Rosina. Er spricht von der "generazione esclusa", der ausgeschlossenen Generation. Obwohl sie gerade jetzt, beim Neustart, wieder gerne dabei wäre.

Die solide Ausbildung der neuen Generationen müsste im Mittelpunkt stehen. So könnte ihr Einstieg in die Arbeitswelt dank ihrer fortgeschrittenen Kompetenzen dem Land zu einem neuen Wachstum verhelfen.

Gerade Studenten wie Denise wären jetzt auf staatliche Unterstützung angewiesen. Doch Hilfen bekommen sie kaum, meist handelt es sich um einen Zuschuss zur Miete, wie etwa in der Region Aostatal oder auch in Bologna.

Millionen für das Homeschooling

An den Schulen sieht es anders aus, da musste das Bildungsministerium schon während des Lockdowns Millionen in die Hand nehmen für digitale Plattformen, Tablets oder Fortbildung. Manche Kinder hatten gar keinen Computer, die Schule half aus.

Auch wohltätige Organisationen wie die Gemeinschaft Sant´Egidio kümmerten sich darum, dass die Schüler einen Computer bekamen und so wenigstens während der vielen Monate am Online-Unterricht teilnehmen konnten.

Gerade legen etwa eine halbe Million Schüler in Italien ihre Abiturprüfungen ab, in diesem Jahr wegen der Corona-Krise nur mündlich. So wie Fabio aus Rom. Er will jetzt ein paar Monate nach Berlin gehen, um dort zu jobben.

Jobben im Ausland als Lösung

"Ich wollte anfangs eigentlich nach Neuseeland fliegen und da sechs Monate arbeiten, um mit dem Lohn nach Indien weiter zu verreisen. Aber das darf man jetzt alles nicht machen."

Durch seine deutsche Mutter hat er viele Verbindungen nach Deutschland. Aber auch fast alle Freunde des 18-Jährigen wollen jetzt erst einmal weg: "Viele denken halt, dass sie im Ausland eine besser bezahlte Arbeit finden könnten,", sagt er.

Viele verlassen Italien

Tatsächlich verlassen Jahr für Jahr viele Italiener ihre Heimat, gerade den Süden des Landes. Im vergangenen Jahr lag die Jugendarbeitslosigkeit bei rund 30 Prozent. Und jetzt, nach der Pandemie? Da steht Italien, das vorher schon so hoch verschuldet da, schlimmer da als je zuvor. Doch Denise, die Studentin aus Rom, will sich trotzdem ihren Traum nicht nehmen lassen.

"Meine Freunde haben ihre Träume aufgegeben. Sie arbeiten, bekommen einen kleinen Lohn. Und das ist okay. Aber für mich nicht.  Ich will auch einen kleinen Lohn haben, aber für meinen Traumjob."

 

Wie Corona Junge bei Ausbildung und Beruf beeinflusst
Elisabeth Pongratz, ARD Rom
24.06.2020 07:45 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Juni 2020 um 05:22 Uhr.

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