Eine Frau auf einem Balkon, über den eine italienische Flagge hängt. | Bildquelle: AP

Italien nach der Corona-Krise "Explosion an Lebensfreude"

Stand: 19.03.2020 05:00 Uhr

Ausgangssperren in Corona-Zeiten schlagen immer mehr Menschen aufs Gemüt. Wenn die Krise aber erst überstanden ist, sagen italienische Experten voraus, wird es eine wahre Explosion an Lebensfreude geben.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Wer in diesen Tagen eine Injektion Optimismus benötigt, sollte Franco Ferrarotti anrufen. Durch das Telefon ist zu spüren, wie die Augen des Soziologen leuchten, wenn er über seine Erwartungen für die Zeit nach der Coronavirus-Krise spricht.

"Ich glaube, wenn die Krise vorbei ist, werden wir eine enorme Wiederkehr von Lebensfreude und Lust am Wiederaufbau erleben. Ähnlich wie am Ende des Krieges wird es in ganz Europa eine unglaubliche Explosion an Lebensfreude geben."

Mit seinen 93 Jahren hat Ferrarotti schon viele historische Epochen und Krisen erlebt. Der emeritierte Professor gilt als Vater der italienischen Soziologie. Der derzeitige Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus, sagt Ferrarotti dem ARD-Studio Rom, sei eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft - aber auch eine Chance.

"Das wird eine grundlegende, positive Erfahrung von Leben sein, gemeinsam die Krise durchzustehen. Für Europa, und, ich würde sagen, für die gesamte Menschheit."

Krisen bringen Menschen zusammen

Krisenerfahrungen, sagt Ferrarotti, führten dazu, dass Gesellschaften enger zusammenrücken. Und dass sie aus dieser Phase neue Kraft schöpften - ungeachtet aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Auch Gianluca Castelnuovo, einer der bekanntesten Psychologen Italiens, schaut mitten in der Krise mit Zuversicht nach vorne.

"Aus psychologischer Sicht wird danach eine große Lust da sein, wieder loszulegen. Zu arbeiten und zu feiern. Die zweite Jahreshälfte wird voll sein mit beruflichen Terminen, mit sozialen Ereignissen, mit Konzerten, mit der Lust auszugehen. Es wird diesen Sprungfeder-Effekt geben. Wir wollen dann in die Welt schreien, dass wir zurück sind nach diesem hässlichen Abenteuer."

Um dieses Abenteuer gemeinsam zu überstehen, sagt Castelnuovo, der an der Universität Cattolica in Mailand lehrt, sei Optimismus psychologisch genauso notwendig wie Angst.

"Es ist wichtig, eine gewisse Dosis Angst zu haben. Angst um sich selbst und um die anderen. Also das Bewusstsein, selbst krank werden, aber auch andere, die vielleicht schwächer sind, anstecken zu können. Diese Angst ist notwendig, aber sollte nicht in Panik abgleiten, sondern zu reflektierten, vernünftigen Entscheidungen führen."

Italienische Disziplin im Umgang mit der Krise

Optimismus und eine gewisse Dosis Angst sieht Castelnuovo an der Basis der derzeitigen Reaktionen in Italien: Die Disziplin, mit der die Menschen die Ausgangssperre respektieren, und der Zusammenhalt, der sich zum Beispiel in den online organisierten Balkonpartys ausdrückt. Im Kampf gegen den gemeinsamen Feind Coronavirus, sagt der Psychologe Castelnuovo, rückten die Menschen zusammen. Der Soziologe Ferrarotti formuliert es farbiger. In dieser Phase, meint er, zeigten seine Landsleute, wie so häufig in Krisenzeiten, ihre beste Seite.

"Die Italiener sind unerträglich, wenn alles gut läuft. Aber im kollektiven Unglück, in geschichtlichen Krisen, bei Erdbeben, bei großen Schwierigkeiten, sind die Italiener wundervoll."

Die Italiener, sagt Ferrarotti, seien in der Coronavirus-Krise dabei, die Grenzen ihres extremen Individualismus zu erkennen und den Wert der Solidarität wiederzuentdecken. Dies, sagt der Wissenschaftler mit seinen 93 Jahren Lebenserfahrung, tauge als gutes Beispiel auch für andere.

Nach Corona kommt Explosion an Lebensfreude
Jörg Seisselberg, ARD Rom
19.03.2020 05:54 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. März 2020 um 10:11 Uhr.

Darstellung: