Eine Frau geht inmitten der Corona-Pandemie mit ihrem Hund an einem kürzlich wiedereröffneten Restaurant in der Innenstadt vorbei (Archivbild). | dpa

Mehr als 100.000 Todesopfer Zweifel an Italiens Corona-Strategie wachsen

Stand: 09.03.2021 01:26 Uhr

Italien steckt erneut in Corona-Schwierigkeiten. Die Infektionszahlen steigen deutlich. Gestern wurde zudem eine neue, traurige Rekordmarke erreicht. Maßnahmen der neuen Regierung? Bislang Fehlanzeige.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Die bittere Grenze von offiziell 100.000 Todesfällen überschritten und eine Covid-19-Pandemie, die in Italien wieder Tempo aufnimmt: Kurz bevor diese Daten offiziell wurden, hat sich Mario Draghi per Videobotschaft an die Italienerinnen und Italiener gewandt. Mit einem Appell, der als Aufruf zu mehr Engagement und Disziplin in der Corona­bekämpfung verstanden werden kann.

Wir alle stehen in diesen Tagen einer neuen Verschlechterung des Pandemie-Notstands gegenüber. Jeder muss seinen Beitrag dazu leisten, die Ausbreitung des Virus einzudämmen.
Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Seit rund zehn Tagen steigt die Infektionskurve in Italien sprunghaft. Um rund ein Drittel hat die Zahl der Ansteckungen zugenommen. Während in anderen Teilen Europas Lockdown-Beschränkungen langsam fallen, rutscht Italien wieder tiefer in die Krise. Aus dem Wissenschaftlichen Rat der Regierung wächst nach Berichten mehrere italienischer Medien der Druck, im Kampf gegen die Pandemie das derzeit gültige regionale Ampelsystem fallen zu lassen und wieder landesweit einheitliche Maßnahmen zu erlassen.

Experten fordern härtere Schritte

Auch Patrizia Laurenti, Professorin für Hygiene und Infektionskrankheiten an der Universität Cattolica, hat angesichts der aktuellen Entwicklung Zweifel, ob Italien mit den bisherigen Lösungen auf dem richtigen Weg ist.

Diese Unterscheidungen zwischen den einzelnen Regionen lässt sich meiner Ansicht nach nicht mehr rechtfertigen. Es hat sich gezeigt, dass in den sogenannten gelben Zonen Fehler gemacht wurden. Die Farbe Gelb ist gelebt worden als ein Übermaß an Freiheit.

In den gelben Zonen mit nur wenigen Beschränkungen dürfen beispielsweise Bars und Restaurants tagsüber öffnen. Große Regionen wie die Lombardei und das Piemont aber rutschten schnell wieder mit hohen Infektionszahlen in die orangene Zone, Restaurants und Bars mussten erneut schließen. Kampanien ist seit Wochenbeginn sogar roten Zone. Insgesamt leben wieder knapp zehn Millionen Italiener im Lockdown, mit geschlossenen Geschäften, Schulen und Restaurants.

"Der Trend erscheint eindeutig"

Der Inzidenzwert, Stand gestern, liegt in ganz Italien bei 236 - mehr als dreimal so hoch wie in Deutschland (68). Hygiene-Spezialistin Laurenti sagt: "Es ist zweifellos eine Situation, die eine Verschärfung der Maßnahmen mit mehr Einschränkungen erfordert. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber die Daten sprechen eine deutliche Sprache, der Trend erscheint eindeutig."

Die Zeitung Repubblica berichtet konkret über einen Vorschlag des Wissenschaftlichen Rates der Regierung, auch wegen der sich stark ausbreitenden britischen Virusvariante ganz Italien für drei Wochen in einen harten Lockdown zu schicken - und in dieser Zeit so viele Impfungen wie möglich durchzuführen. Von Regierungsseite wird die Meldung, wie seit Amtsantritt Draghis üblich, nicht kommentiert.

Ein bisschen Mutmachen

Der neue Ministerpräsident beschränkt sich in seiner aktuellen Videobotschaft auf Allgemeines und ein bisschen Mutmachen.

Die Pandemie ist noch nicht besiegt. Aber man sieht mit einer schnelleren Impfkampagne einen nicht weit entfernten Silberstreif am Horizont. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um allen ein wirkliches Signal des Vertrauens zu senden.

Wie dieses Signal aber genau aussieht und vor allem, mit welcher Strategie die Regierung der sich in Italien wieder zuspitzenden Corona-Krise begegnen will, ließ Draghi offen - auch am Tag des Überschreitens der 100.000-Toten-Grenze. Nicht ausgeschlossen aber ist, dass hinter Draghis Schweigemauer an Korrekturen der schwächelnden italienischen Anti-Corona-Politik gearbeitet wird, vor allem an einer Beschleunigung der Impfkampagne.

Alle bislang in diesem Bereich Verantwortlichen, vom Corona-Sonderkommissar bis zum Leiter des Zivilschutzes, hat Draghi in den vergangenen Tagen ausnahmslos ausgewechselt. Auch dies kommentarlos.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 09. März 2021 um 08:04 Uhr.