Passanten mit Mund-Nasen-Bedeckung in Turin | Bildquelle: JESSICA PASQUALON/EPA-EFE/Shutte

Corona-Krise in Italien Die Zeit der Vorbereitung ist vorbei

Stand: 21.10.2020 21:55 Uhr

Mit Wucht hat die Pandemie Italien wieder erfasst. Die Behörden meldeten mehr als 15.000 neue Fällen. Die Lombardei und Kampanien führten nächtliche Ausgangsverbote ein. Die drohen auch andernorts.

Von Lisa Weiß, ARD-Studio Rom, zzt. München

Es ist eigentlich nur ein bedrucktes DIN-A4-Blatt, ein Formular zum Ausfüllen, das jetzt zurückkehrt. Aber die meisten Italiener dürften gehofft haben, es nie wieder zu sehen: Die so genannte "Autodichiarazione" ist eine Eigenerklärung, die man ausgedruckt immer dabei haben muss. Auf ihr ist der darauf Grund vermerkt, warum man gerade nicht zu Hause ist. 

Sie ist eines der Symbole für den Lockdown des Frühjahrs. Der kehrt jetzt in einigen Regionen zurück, wenn auch bei weitem nicht so strikt. Es ist ein Versuch, das Gesundheitssystem dieser Regionen zu entlasten. Der Mailänder Virologe Fabrizio Pregliasco sagte, besonders in der Lombardei sei die Situation kritisch. "Noch sind die Intensivstationen einigermaßen leer, aber es ist riskant." Wegen des exponentiellen Wachstums, das es nicht nur in der Lombardei, sondern auch in anderen Regionen gebe, müsse man entschiedene Maßnahmen ergreifen.

Vier Milliarden Euro eingeplant

Eine der Maßnahmen: In der Lombardei wie auch in Kampanien darf man vorerst nach 23 Uhr nur noch mit besonderer Begründung auf die Straße. Italien will vorsorgen. Für das kommende Jahr sind vier Milliarden Euro eingeplant. Damit sollen unter anderem rund 30.000 Ärzte und Krankenpfleger weiterbezahlt werden, die befristet eingestellt worden sind.

Aber reicht das? Professor Walter Ricciardi, Berater des italienischen Gesundheitsministeriums, wird von italienischen Medien folgendermaßen zitiert: Die Großstädte Mailand, Neapel und wahrscheinlich auch Rom seien schon außer Kontrolle, hier könne derzeit die Epidemie nicht, wie vorgesehen, mit Kontaktverfolgung und Tests eingedämmt werden.

Krisenherd Lombardei

In Mailand macht momentan das Sacco-Krankenhaus Schlagzeilen, dort sind in den vergangenen Tagen rund 20 Krankenhausmitarbeiter positiv auf das Virus getestet worden, dazu auch einige Patienten. Regionalkommissar Giulio Gallera, der in der Lombardei für die Gesundheit zuständig ist, hat schon im Radio vor einer Überlastung des Gesundheitssystems in seiner Region gewarnt: Ende Oktober könnten schon wieder 4000 Covid-19-Patienten in lombardischen Krankenhäusern liegen.

Und der Direktor des medizinischen Notdienstes in Kampanien, Giuseppe Galano, sagte der Nachrichtenagentur Ansa: Schon jetzt müsse eine Auswahl der Patienten getroffen werden: "In den vergangenen Monaten, als die Infektionsraten niedrig waren, konnte eine Person auch im Krankenhaus behandelt werden, wenn es nicht ganz unbedingt notwendig war." In diesem Moment, in dem immer wieder unvorhergesehene Situationen auftreten, müsse man Einschränkungen machen.

"Mobilität verringern"

Italien hätte sich besser auf die zweite Welle vorbereiten können, meint Galano. Man hätte Leitlinien für die Behandlung zuhause und in Senioreneinrichtungen herausgeben können, um so die Krankenhäuser zu entlasten. Denn in Kampanien wie auch in vielen anderen Regionen Italiens ist das Gesundheitssystem sehr auf die Krankenhäuser fokussiert, niedergelassene Ärzte spielen eine kleinere Rolle als in Deutschland.

Doch die Zeit für die Vorbereitung auf eine zweite Welle, sie ist ganz offensichtlich vorbei. Walter Ricciardi, der Berater des italienischen Gesundheitsministeriums, hält es aktuell für sinnvoll, vor allem die Mobilität der Italiener zu verringern.

Forderung nach nationalem Überwachungssystem

Die Strategie des Mikrobiologen Andrea Crisanti aus Padua, der als einer der ersten feststellte, dass auch asymptomatische Patienten das Virus übertragen können, ist: testen, testen, testen. Er fordert, die Testkapazitäten zu erhöhen: "Wenn wir alle zu Hause sind und niemand anderes treffen, ist es relativ einfach zu kontrollieren. Aber wenn wir unsere Aktivitäten fortsetzen wollen, müssen wir irgendwie die Möglichkeit schaffen, viel mehr Diagnosen zu stellen als jetzt."

Die Übertragungsketten müssten durch eine bessere Kontaktverfolgung eingedämmt werden, sagte Crisanti im italienischen Fernsehsender Sky. Es brauche eine Art nationales Überwachungssystem. Denn selbst wenn diese Welle eingedämmt werden könne, gehe ansonsten alles nach sechs Wochen von vorne los. Wichtig sei, diese Spirale zu durchbrechen.

Wieder Kritische Infektionszahlen in Italien
Lisa Weiß, ARD Rom
21.10.2020 20:54 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. Oktober 2020 um 06:22 Uhr.

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