Forza Nuova | dpa

Ausschreitungen in Rom Neofaschisten im Fokus

Stand: 11.10.2021 04:58 Uhr

Nach Ausschreitungen von Impfgegnern fordern Gewerkschaftsführer das Verbot der neofaschistischen Partei Forza Nuova. Arbeitnehmervertreter schützen derweil Gewerkschaftshäuser vor Übergriffen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Zwei der mutmaßlichen Rädelsführer der Ausschreitungen im Anschluss an eine Impfgegner-Kundgebung in Rom sind von der Polizei aus dem Verkehr gezogen worden. Roberto Fiore, Vorsitzender und Gründer der neofaschistischen Partei Forza Nuova, sowie sein Stellvertreter Giuliano Castellino. Beide wurden festgenommen. Die Vorwürfe lauten unter anderem schwere Sachbeschädigung, Plünderung und Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Filmaufnahmen unter anderem im Staatsfernsehen RAI zeigen, dass die beiden bekennenden Neofaschisten vorne mit dabei waren, als Hunderte Impfgegner am Samstag in Rom die Zentrale der linken Gewerkschaft CGIL stürmten. Zuvor hatten mehrere Tausend auf der Piazza del Popolo gegen die Corona-Politik der Regierung demonstriert. Insbesondere protestierten sie dagegen, dass ab Freitag in Italien auch am Arbeitsplatz der sogenannte Greenpass erforderlich ist, der weitgehend der deutschen 3G-Regel entspricht.

Kooperation mit der NPD

Einer der Wortführer auf der Demonstration war der stellvertretende Forza-Nuova-Vorsitzende Castellino. Von der Bühne hatte er den Demonstranten zugerufen: "Die Kriminellen, die Extremisten, die Gefährlichen sind nicht auf diesem Platz, sondern in den Palästen der Macht."

Forza Nuova wurde 1997 gegründet. Sie gilt als wichtigste neofaschistische Partei in Italien und arbeitet international unter anderem mit der deutschen NPD zusammen. Forza Nuova hatte zur Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen aufgerufen - gemeinsam mit Gruppen von Impfgegnern und Gastronomen, die Greenpass-Zugangsbeschränkungen zu Bars und Restaurants ablehnen.

Nach der Kundgebung, an der laut Schätzungen der linksliberalen Zeitung "La Repubblica" mindestens 10.000 Menschen teilnahmen, versuchten gewalttätige Kräfte zunächst Richtung Regierungssitz Palazzo Chigi zu ziehen. Die Polizei drängte die Randalierer unter anderem mit Hilfe von Wasserwerfern zurück. Daraufhin zog ein Teil der gewalttätigen Impf- und Greenpassgegner, angeführt unter anderem von den Forza-Nuova-Chefs, zum Sitz der Gewerkschaft CGIL, wo nur wenige Polizeikräfte vertreten waren.

"Akt von Schlägertrupps"

Innerhalb kurzer Zeit stürmten mehrere Hundert Demonstranten das Gewerkschaftshaus, schlugen Scheiben ein, stürzten Schreibtische um, warfen Aktenordner auf den Boden und zerstörten Telefone und Computer. Zwischen den randalierenden Impfgegnern war auch der Sprecher der Gastronomen-Vereinigung IoApro ("Ich öffne"), Biagio Passaro. Er veröffentlichte später ein Video der Aktion auf seiner Facebook-Seite, wo man ihn rufen hört: "Jungs, wir sind dabei, ins CGIL Gebäude zu gehen. IoApro und alle haben die CGIL erstürmt."

Die Gewerkschaft ist Zielscheibe der Impfgegner in Italien, weil sie nach anfänglichen Zögern die Greenpass-Regelung der Regierung mitträgt, wonach ab 15. Oktober nur arbeiten darf, wer geimpft, genesen oder getestet ist. CGIL-Gewerkschaftschef Maurizio Landini zeigt sich erschüttert über die Welle der Gewalt: "Das ist der Akt von Schlägertrupps, von Faschisten. Das ist eine Wunde für die Demokratie und es ist ein Akt, der der Welt der Arbeit und ihren Rechten Gewalt antun will."

Mehrere Arbeitnehmervertreter erinnerten daran, dass vor genau 100 Jahren Schlägertrupps von Benito Mussolini landesweit Gewerkschaftshäuser gestürmt hatten - wenige Monate bevor Mussolini 1922 die Macht in Italien übernahm. Gewerkschaftsführer Landini forderte unter anderem ein Verbot der Forza Nuova, die mit Mario Draghi regierenden Sozialdemokraten kündigten an, einen entsprechenden Antrag im Parlament zu stellen.

Ausschreitungen im Krankenhaus

Forza Nuova hat bei den letzten Wahlen in Italien stets weniger als 1 Prozent der Stimmen erreicht. Bereits in der Vergangenheit aber waren Vertreter der Partei an gewalttätigen Ausschreitungen beteiligt.

Nach den Angriffen auf die Zentrale in Rom, haben Gewerkschaftsmitglieder Nachtwachen vor zahlreichen Gewerkschaftshäusern in Italien organisiert, um sie vor Übergriffen zu schützen. In Rom sangen sie Bella Ciao, das Lied aus dem antifaschistischen Widerstand in Italien im Zweiten Weltkrieg.

Im Anschluss an die Erstürmung der CGIL-Zentrale durch Impfgegner in Rom kam es noch zu kleineren Ausschreitungen in einem nahegelegenen Krankenhaus. Ein verletzter Impfgegner wehrte sich nach Angaben eines Krankenhaussprechers dagegen, dass vor der Behandlung ein Coronatest bei ihm gemacht werden sollte. Daraufhin randalierten rund 30 Unterstützer und verletzten dabei zwei Krankenschwestern und zwei Polizisten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. Oktober 2021 um 06:48 Uhr.