Eine Straße in Turin ist nach Ausschreitungen in Rauch gehüllt. | dpa

Proteste gegen Corona-Politik Wer in Italien auf die Straße geht

Stand: 28.10.2020 07:15 Uhr

In Italien fanden seit dem Wochenende in mehreren Städten Demonstrationen gegen die Corona-Politik statt - es gab Ausschreitungen und Verwüstungen. Wer ist an den Protesten beteiligt?

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Im Zentrum Turins sind die Folgen der Ausschreitungen immer noch unübersehbar. "Ich könnte weinen, angesichts des Vandalismus von gewissen Leuten. Das ist kein Demonstrieren, das ist kriminell", sagt ein älterer Passant.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Eingeschlagene Fensterscheiben in einer Einkaufsstraße, in einigen Geschäften hat es sogar Plünderungen gegeben. Von bürgerkriegsähnlichen Szenen in Turin schreibt die Zeitung "La Repubblica".

Aber auch in Mailand und Neapel, Triest und Lecce, Pescara und Catania sind in den vergangenen Tagen Proteste gegen die Covid-19-Dekrete der Regierung in Gewalt umgeschlagen. In der Hauptstadt Rom hatten neben Restaurant- und Barbesitzern rechtsextreme Gruppen wie Forza Nuova mobilisiert. Sie zündeten Feuerwerkskörper und griffen Polizisten an.

Rechte versprechen sich Zulauf

Der Soziologe Lorenzo Zamponi, Dozent an der Eliteuniversität SNS in Florenz, sagt: "Es gibt einen sehr starken Versuch von Gruppen der extremen Rechten, auf den Zug des verbreiteten Unmuts aufzuspringen und sich in gewisser Weise zu Repräsentanten dieser Proteste zu machen."

Die Regierung ist alarmiert angesichts der landesweiten Ausschreitungen. Innenministerin Luciana Lamorgese hat die Polizeipräfekten in den Städten zu besonderer Wachsamkeit aufgefordert. Ministerpräsident Giuseppe Conte äußert Verständnis und Respekt für friedliche Proteste, warnt aber mit Blick auf die Krawalle vor "professionellen" Gewalttätern, die sich einschlichen: "Es gibt Gruppen, die versuchen, Auseinandersetzungen zu schüren. Wer auf die Straße zum Demonstrieren geht, muss aufpassen vor Infiltrationen."

Diese Versuche, friedliche Proteste zu instrumentalisieren, gebe es, bestätigt der Soziologe Zamponi. Auch gewaltbereite Fußball-Ultras hätten sich an den Krawallen beteiligt.

"Schere der Ungleichheit geht auseinander"

Gleichzeitig mahnt Zamponi, die Gewaltexzesse der vergangenen Nächte in Italien dürften nicht nur organisierten Gruppen zugeschrieben werden. Auch junge Krisenverlierer, mobilisiert über soziale Netzwerke, seien dabei gewesen: "In gewisser Weise drückt sich in diesen Ausschreitungen eine verbreitete Frustration und Wut aus. Alle sozio-ökonomischen Daten zeigen, dass die soziale Schere der Ungleichheit durch die Krise noch stärker auseinandergegangen ist. Wir reden hier auch über Vertreter eines Subproletariats aus den Vorstädten, die eine Wut zum Ausdruck bringen, die offensichtlich existiert."

In den Protesten, so Zamponi, stünden diese jungen, gewaltbereiten Krisenverlierer Seite an Seite mit einem durch die Anti-Corona-Maßnahmen frustrierten Mittelstand: Restaurantbesitzer und andere Kleinunternehmer, denen ihre Existenzgrundlage wegbricht.

Zamponi sieht Parallen zu französischen Gelbwesten

Insgesamt sei in Italien eine Mischung von Menschen auf der Straße, sagt der Florentiner Soziologe, die an die sogenannte Gelbwesten-Bewegung in Frankreich erinnere. Dass in Italien kleine rechtsextreme Parteien wie Forza Nuova durch die Unruhen an Bedeutung gewinnen, denkt Zamponi nicht.

"Ich glaube aber, dass die sogenannte institutionelle Rechte profitieren kann. Weil sie traditionell den derzeit protestierenden sozialen Gruppen nahesteht. Und viele Inhalte der radikalen Rechten übernommen hat. Ich denke da an die Lega von Matteo Salvini oder die Partei Fratelli d’Italia von Giorgia Meloni. Sie werden versuchen, sich zum Sprachrohr dieser Proteste zu machen und die wachsende Unpopularität der Regierung auszunutzen."

Auch um dieser wachsenden Unzufriedenheit entgegenzusteuern, hat Conte gestern Milliardenhilfen in Aussicht gestellt für die Kleinunternehmer und ihre Beschäftigten, die von den derzeitigen Einschränkungen betroffen sind. Die 27 Milliarden Euro Krisenhilfe aus dem EU-Kurzarbeiterprogramm, die gestern aus Brüssel in Rom eingegangen sind, sollen ebenfalls helfen, die sozialen Sorgen im Land zu lindern.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Oktober 2020 um 20:00 Uhr.