Riesenandrang rund um CHP-Spitzenkandidat Imamoglu.  | Bildquelle: AFP

Bürgermeisterwahl in Istanbul Aus dem Urlaub an die Urne

Stand: 23.06.2019 13:12 Uhr

Istanbul hat seinen Bürgermeister gewählt - erneut. Für die Wiederholung der Abstimmung haben viele Istanbuler ihren Urlaub unterbrochen. Die Wahl gilt als Stimmungstest für Präsident Erdogan.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Punkt acht Uhr Ortszeit haben in Istanbul die ersten Wahllokale für die Bürgermeisterwahl geöffnet. Die beiden wichtigsten Kandidaten sind Binali Yildirim von Erdogans Regierungspartei AKP und Ekrem Imamoglu von der Republikanischen Volkspartei CHP. Die Wiederholung der Wahl von Ende März findet international Aufmerksamkeit. Es wird mit einer sehr hohen Wahlbeteiligung gerechnet. Viele Istanbuler sind extra aus dem Urlaub zurückgekehrt. Aber auch Wahlbeobachter sind aus der ganzen Türkei angereist.

Vom Flughafen zur Wahlurne

Der Ortsvorsteher des Stadtteils im Zentrum von Istanbul begrüßt die Wähler am Wahllokal persönlich, schüttelt Hände, auch die eines Mannes in kurzen Hosen. Der zieht einen pinkfarbenen Rollkoffer hinter sich her. Er hat seinen Urlaub in London unterbrochen: "Das hat mich natürlich viel Geld gekostet. Die Flugpreise sind immens gestiegen, weil sich die Türken, die in London Urlaub machen, alle verantwortlich fühlten und kommen wollen."

Seinen Namen will er nicht nennen, er ist Beamter. Allein für den Flug hat er umgerechnet rund 260 Euro bezahlt, erzählt er und zuckt mit den Schultern: "Die Menschen im Ausland wundern sich sehr darüber, dass wir sowas machen. Wahrscheinlich haben wir hier in der Türkei die höchste Wahlbeteiligung weltweit."

Imamoglu wählt mit Frau und Sohn | Bildquelle: AP
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Wählen gehen mit der Familie hat Tradition. Das gilt für CHP-Kandidat Imamoglu (mitte) ...

Yildirim wählt mit Frau und Enkelkind. | Bildquelle: REUTERS
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... und auch für Ex-Ministerpräsident Yildirim von Präsident Erdogans Regierungspartei AKP.

Im Flugzeug war er in bester Gesellschaft: "Ich bin so zehn bis 15 Personen begegnet. Das waren Wähler von beiden Parteien. Und sie waren alle aufgeregt, weil sie wählen werden."

Zwölf Stunden im Bus

Jetzt bleibt er ein paar Tage in Istanbul. Dann geht es wieder zurück in den Urlaub nach London. Ein ähnliches Urlaubsprogramm hat Mukaddes Inal. Die 70-Jährige mit kurzen grauen Haaren und sportlichem Top ist braungebrannt.

Eigentlich sollte sie jetzt in Antalya am Strand liegen, hat sich aber gestern Abend in den Bus gesetzt. Zwölf Stunden dauerte die Fahrt. Aber das war ihr egal. Um sechs Uhr heute Morgen kam sie an. Sie war nicht alleine: "Es sind sehr viele gekommen. Wir haben unsere Bustickets für die Hin- und Rückfahrt früh gebucht. Denn für den Flieger haben wir keinen Platz mehr gekriegt. Es gab einfach unglaublich viele, die herkommen wollten. Und es kommen immer noch welche an."

Weit angereiste Wahlbeobachter

Sie war eine der ersten im Wahllokal. Auch Yasemin Akbeniz ist für die Wahl extra angereist. Die 63-Jährige wohnt aber gar nicht in Istanbul, sondern in Denizli. Das liegt rund 600 Kilometer südlich. Die ehemalige Lehrerin darf also auch gar nicht ihre Stimme abgeben. Sie ist eine von tausenden Wahlbeobachtern: "Erst einmal werden wir, damit alles mit rechten Dingen zugeht, darauf achten, dass bei der Stimmabgabe kein Druck auf den Wähler ausgeübt wird. Abends werden wir dann aufpassen, dass die Stimmzettel korrekt ausgezählt werden."

Natürlich hat sie auch insgesamt ein Auge drauf, was mit den Wahlumschlägen passiert und wie schließlich die Auszählung läuft. Akbeniz ist ein Fan von Ekrem Imamoglu, das zeigt nicht nur ihre gute Laune an diesem Vormittag. Allerdings wird sie kurz ernst, die Schultern gehen zurück. Nach der letzten Wahl hatte der AKP-Kandidat Yildirim behauptet, ihm seien Stimmen gestohlen worden.

Präsident Erdogan hat bereits seine Stimme abgegeben. | Bildquelle: AP
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Die Partei von Präsident Erdogan könnte erstmals in 25 Jahren ihre Vorherrschaft in Istanbul verlieren.

"Alles wird gut!"

Selbstverständlich passt sie als Wahlbeobachterin nicht nur auf die CHP-Stimmen auf, betont sie. Sie hat Erfahrung: "Ich war schon Wahlhelferin bei der Wahl am 31. März. Da wollte der Wahlaufseher eine AKP-Stimme für ungültig erklären. Da bin ich dazwischen gegangen und habe dafür gesorgt, dass ihre Stimme gültig wird. Denn wir stehlen nicht das Recht anderer Menschen, wir lassen uns aber auch unser Recht nicht stehlen! Das war ja auch der Slogan von Imamoglu. Alles wird gut!"

Auf einem Mauervorsprung vor dem Wahllokal sitzen ein paar Männer und rauchen in der Sonne. Darunter ist auch ein schmaler Mann mit grauen Haaren und Schnurrbart. Muzaffer Sert hat sich extra den guten Anzug aus dem Schrank geholt. Der 55-Jährige ist ebenfalls Wahlbeobachter. Schnell ist klar: Seine Stimme geht an die AKP. Auch er spricht sich gegen jegliche Wahlmanipulation aus. "Das geht nicht, auch da würde ich protestieren. Ich würde nicht wollen, dass die Stimme eines CHP-Wählers verloren geht. Es soll geschehen, was der Bürger will."

Geduld, bis das Ergebnis da ist

In den letzten Umfragen lag Imamoglu um ein paar Prozentpunkte vorne. Für Sert und die anderen Wahlbeobachter wird es ein langer Tag werden, bis feststeht, wer gewonnen hat: "Darüber wird das Volk entscheiden. Aber mein Herz schlägt natürlich für Yildirim. Denn wir wissen, was er innerhalb der letzten 15 Jahre alles für dieses Land getan hat."

Der 55-Jährige beobachtet alles sehr genau, will wissen, warum sich ausländische Medien für die Istanbuler Bürgermeisterwahl interessieren. Als Mukaddes Inal, die Urlauberin aus Antalya, einem italienischen Fernsehsender von Imamoglu vorschwärmt, hält es ihn nicht mehr auf seinem Mäuerchen.

Er versucht die Polizisten herzuwinken. Die Frau betreibe noch Wahlkampf, obwohl das doch jetzt am Wahltag gar nicht erlaubt sei, beschwert er sich. Die Beamten hören zu, greifen aber nicht ein. Inal befasst sich gar nicht mit ihm. Nach dem Interview steigt sie die steile Treppe zur Straße hoch. Ihre Stimme hat sie abgegeben, um zwölf geht ihr Bus zurück nach Antalya in den Urlaub.

Jede Stimme zählt - Bürgermeisterwahl in Istanbul
Karin Senz, ARD Istanbul
23.06.2019 11:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Juni 2019 um 13:15 Uhr.

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