Ein Palästinenser hält seinen Passierschein hoch - auf der anderen Seite des Sperrzauns deutet ein israelischer Grenzsoldat den Weg. | picture alliance/dpa

Nach Anschlägen Israel will Sperranlage verstärken

Stand: 11.04.2022 14:52 Uhr

Nach den jüngsten Anschlägen in Israel will die Regierung den Sperrzaun zum Westjordanland auf einer Länge von 40 Kilometern durch eine Mauer ersetzen. Die Lage bleibt extrem angespannt.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Schnellen Schrittes lief Israels Premierminister Naftali Bennett gestern zur Kabinettsitzung der Regierung. Er weiß, dass viele Israelis verunsichert sind - nach vier tödlichen Terrorangriffen in Israel innerhalb von kurzer Zeit. 14 Menschen wurden getötet. "Wir werden an jedem Ort zu jeder Zeit sein, wenn es nötig ist, um diese Terrorangriffe zu unterbinden. Israel geht in die Offensive. Die Armee, der Inlandsgeheimdienst und die Polizei arbeiten rund um die Uhr. Und es gibt in diesem Kampf gegen den Terror keine Einschränkungen", sagte Bennett.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Attentäter kamen aus der Gegend von Jenin

Immer wieder drangen israelische Soldaten in den vergangenen Tagen und Wochen in die Stadt Jenin im Norden des besetzten Westjordanlandes ein. Aus der Gegend stammen die Attentäter von Bnei Brak und Tel Aviv.

Jenin ist ein besonderer Ort. Während der zweiten Intifada kam es hier vor 20 Jahren zu den schwersten Kämpfen zwischen der israelischen Armee und militanten Palästinensern. Der sogenannte Islamische Dschihad, der von Israel und der EU als Terrororganisation eingestuft wird, ist hier besonders stark. Aus Sicht der Bevölkerung ist aber Israel der Aggressor. Zahlreiche Palästinenser wurden in den vergangenen Jahren getötet - darunter Kämpfer, aber immer wieder auch Zivilisten.

Aus einer Moschee in einem Flüchtlingslager in Jenin tönte in den vergangenen Tagen ein Aufruf. Alle Freiheitskämpfer sollten die Gegend verteidigen. Ein Kämpfer des "Islamischen Dschihad" wandte sich auf Hebräisch in Richtung der israelischen Armee: "Eine Sache kann ich euch versichern: Wenn ihr ins Flüchtlingslager Jenin kommt, werdet ihr unsere Stärke antreffen. Mit Gottes Hilfe werden wir euch töten. Wir in Jenin halten alle zusammen und fürchten uns nicht."

Autonomiebehörde vor Problemen

Die Lage ist so angespannt, dass sich laut israelischen Medien Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde in bestimmte Viertel der Stadt kaum noch hineinwagen. "Die Tatsache, dass israelische Truppen am helllichten Tage Jenin betreten und die palästinensischen Sicherheitskräfte nichts tun, stellt die Autonomiebehörde vor Probleme. Es gibt Stimmen, die fragen, warum die Autonomiebehörde die israelischen Truppen nicht vom Einzug abhielt", sagte der israelische Journalist Gal Berger im Sender KAN.

Passagierscheine nach Israel entzogen

Kritik kommt auch mit Blick auf israelische Beschlüsse nach den Anschlägen von Bnei Brak und Tel Aviv. Diese richten sich gezielt gegen die Bevölkerung von Jenin. Tausenden Palästinensern dort wurden Passierscheine nach Israel und Ost-Jerusalem entzogen. Außerdem dürfen arabische Israelis nicht mehr zum Einkaufen nach Jenin fahren. Dabei sind die ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Israel begründet die Maßnahmen mit Sicherheitsbedenken. Aus Sicht der Palästinenser geht es um eine Kollektivstrafe. Die Lage bleibt im gesamten Westjordanland angespannt.

Gestern wurden zwei Frauen von israelischen Soldaten erschossen. Eine stach auf einen Soldaten ein. Eine andere soll sich verdächtig genähert und nicht angehalten haben. Diese Frau war laut palästinensischen Angaben Witwe, Mutter von sechs Kindern und soll eine schwere Sehstörung gehabt haben. Die israelische Armee will den Vorfall nun untersuchen.

Verstärkung der Sperranlage

Die israelische Regierung fasste gestern einen weiteren Beschluss: Die Sperranlage am und im Westjordanland soll verstärkt werden. Die Attentäter aus Jenin sollen durch Löcher im Zaun nach Israel gelangt sein. Aus dem Zaun soll nun auf einer Länge von 40 Kilometern eine massive Mauer werden - so wie es sie bereits in und um Jerusalem und an anderen Stellen gibt.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 11. April 2022 um 14:07 Uhr.