Ein palästinensischer Traktorfahrer pflügt ein Feld in Al-Jiftlik nahe Jericho im Westjordanland. | Bildquelle: REUTERS

Israel und Palästinenser Boykotte bedrohen Betriebe auf beiden Seiten

Stand: 20.02.2020 09:30 Uhr

Eigentlich sind die Handelskontakte zwischen Israel und den Palästinensern eng. Doch jetzt folgt auf den Boykott von Importen auf der einen Seite der Boykott von Produkten auf der anderen: Rinder gegen Obst und Gemüse.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Eine Fabrikhalle in Jericho: Hier im Jordantal werden seit Jahrtausenden Datteln angebaut. Palästinensische Arbeiterinnen sortieren die Früchte auf einem Laufband und packen sie in Kisten. Eigentlich sollen die Datteln in die ganze Welt exportiert werden. Aber seit etwa zwei Wochen heißt es im benachbarten Kühlhaus: Endstation. Weiter geht es nicht.

Ibrahim Daek ist der Inhaber der Dattelplantage. Er öffnet eine schwere Tür, die in einen Kühlraum führt. Tausende Kisten stapeln sich hier: 80 Tonnen Datteln, die eigentlich in die Türkei geliefert werden sollen. "Unser Unternehmen ist in Gefahr", sagt der Palästinenser. "Wir mussten schon 26 Arbeiter entlassen und haben überall Ausgaben gestrichen."

Keine eigene Außengrenze

Fast 70 Prozent der Datteln von Daek gehen in den Export. Der muss immer über Israel laufen, weil die Palästinenser im besetzten Westjordanland keine eigene Außengrenze haben.

Seit etwa zwei Wochen blockiert Israel den Export von palästinensischen Agrarprodukten. Daek droht ein Verlust von umgerechnet 15 Millionen Euro - die Folge einer wirtschaftlichen Auseinandersetzung, in der keine Seite nachgeben will.

Israelische Flaggen am Straßenrand nahe Jericho im besetzten Westjordanland. | Bildquelle: REUTERS
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Der Export aus den palästinensischen Gebieten in die ganze Welt muss immer über Israel laufen, weil die Palästinenser im besetzten Westjordanland keine eigene Außengrenze haben.

Palästinenser stoppen Rinderimport

Die palästinensische Autonomiebehörde verbot im vergangenen Herbst die Einfuhr von Rindern aus Israel in die palästinensischen Gebiete. "Unsere Regierung hat eine neue nationale Agenda gestartet", so die Erklärung des stellvertretenden Landwirtschaftsministers Abdullah Lahlouh. "Wir wollen unsere Wirtschaft nachhaltig stärken und Schritt für Schritt unabhängiger werden von der israelischen Wirtschaft." 

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist zwar seit Jahrzehnten ungelöst. Dennoch unterhielten beide Seiten bislang sehr enge Wirtschaftsbeziehungen. So gingen fast 70 Prozent der palästinensischen Exporte von Obst und Gemüse nach Israel.

Der Minister der palästinensischen Autonomiebehörde sieht in Israel aber keinen Geschäftspartner, sondern vor allem eine Besatzungsmacht. Deshalb fiel die Entscheidung, die Einfuhr von Rindern aus Israel zu verbieten.

Existenz von Rinderzüchtern bedroht

Das wiederum führte zu großen Protesten israelischer Landwirte. Die verkauften bisher etwa 150.000 Rinder pro Jahr an die Palästinenser. "Seit vier Monaten verkaufen wir nichts mehr", sagte ein israelischer Rinderzüchter gegenüber der Plattform Ynet und fügt hinzu:

"Wir befinden uns kurz vor dem Bankrott."

Die Landwirte wandten sich mit ihrem Protest nicht etwa an den israelischen Landwirtschaftsminister, sondern an Verteidigungsminister Naftali Bennett. Denn für die wirtschaftlichen Beziehungen zu den Palästinensern im besetzten Westjordanland ist vor allem die israelische Armee zuständig.

Kurz vor der Parlamentswahl in Israel reagierte Bennett vor einigen Wochen entschlossen: Ein Boykott werde mit einem Boykott beantwortet. Er verbot die Einfuhr palästinensischer Agrarprodukte nach Israel. Die Palästinenser wiederum verbannten daraufhin weitere, darunter auch Agrarprodukte, die aus Israel stammen.

Die Pleite droht

Israel untersagte den Export von palästinensischen Agrarprodukten in die Welt. Seitdem stapeln sich die Kisten voller Datteln in den Kühlräumen von Daek.


 "Wir haben einen Teil unserer Immobilien verkauft. Das finanziert uns für weitere sechs Monate. Das ist alles was wir tun können."

Israels Wirtschaft ist stärker als die der Palästinenser. Eine Fortsetzung des Handelskonfliktes würde daher vor allem die Palästinenser treffen. Doch deren Führung will auf keinen Fall nachgeben. Ibrahim Daek und seiner Dattelplantage in Jericho droht die Pleite.

Wirtschaftskrieg? Israelis und Palästinenser blockieren sich gegenseitig
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
20.02.2020 07:51 Uhr

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