Ein Israeli wird gegen Corona geimpft. | dpa

Israel Mit Drittimpfungen gegen den Lockdown

Stand: 20.08.2021 02:13 Uhr

Weil die Infektionszahlen wieder rasant ansteigen, droht Israel ein neuer Lockdown. Das will der neue Premier Bennett aber unbedingt verhindern. Er setzt daher auf Einschränkungen für Ungeimpfte - und die Drittimpfung.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Es ist die erste große Bewährungsprobe für Naftali Bennett, und Israels Premier hat sich festgelegt: Im Kampf gegen steigende Infektionszahlen und sich füllende Intensivstationen will Bennett einen Lockdown unbedingt vermeiden. "Ein Lockdown ist der leichteste Weg. Viele sagen: 'Gib das Kommando. Alles ist bereit.' Wir würden damit aber unsere Zukunft zerstören. Deshalb haben wir uns für den harten Weg entschieden: Viele einzelne Maßnahmen, um einen Lockdown vielleicht vermeiden zu können. Er ist unsere letzte Verteidigungslinie, wenn alles andere nicht funktioniert hat."

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Viele Einschränkungen unter Lockdown-Schwelle

In einer langen und detailreichen Ansprache wandte sich der Regierungschef an die Israelis. Er wolle ihre Gesundheit und ihre Lebensgrundlage schützen, versprach Bennett. Er warnte vor den wirtschaftlichen Folgen eines Lockdowns und vor weiterem Online-Unterricht für Kinder. Bennetts Strategie besteht unter anderem aus Einschränkungen unterhalb der Lockdown-Schwelle.

Restaurant, Sport, Kultur - Seit dieser Woche ist vieles in Israel wieder nur für Geimpfte, Genesene und frisch Getestete möglich. Der sogenannte Grüne Pass ist zurück im Alltag. Die Test- oder Nachweispflicht gilt ab einem Alter von drei Jahren. Ab zwölf Jahren sind die Tests kostenpflichtig. Vor dem weiterhin für den 1. September vorgesehenen Schulstart plant die Regierung rund 1,6 Millionen Schülerinnen und Schüler auf Antikörper zu testen.

Impfen, impfen, impfen

Vor Allem aber setzt die Regierung Bennett aufs Impfen: "Wenn Israels Bürger sich weiter in großer Zahl impfen lassen, werden wir die Delta-Variante besiegen. Es liegt an uns." Rund 60 Prozent der 9,3 Millionen Israelis sind zweimal geimpft. Mehr als eine Million Menschen haben sogar schon eine dritte Impfung erhalten. Zunächst wurde sie allen ab 60 angeboten, mittlerweile ist die Altersgrenze aber gesenkt worden.

Die Dritt-Impfung erhöht den Schutz vor einer Infektion offenbar erheblich. Zu diesem Ergebnis kommt eine erste Studie in Israel. "Die ersten Ergebnisse nach der dritten Impfung machen wirklich Mut", sagt die Ärztin Gili Regev, Leiterin der Abteilung für Infektionsschutz am Sheba-Krankenhaus in der Nähe von Tel Aviv. "Ich glaube, dass sie ein Erfolg wird und wir in etwa zwei Wochen ein Ende des Anstiegs bei schweren Fällen sehen werden. Leute, bei denen der Schutz nach zwei Impfungen nicht ausreichte, haben nun genügend Antikörper."

Erstmal mehr schwere Verläufe und mehr Todesfälle

Noch aber werden täglich Hunderte neue Fälle registriert, und die Zahl der Schwerkranken nimmt zu. Die Armee schickt nun weitere Reservisten in die Krankenhäuser, um deren Personal zu unterstützen, und Regierungschef Bennett stimmt die Menschen auf eine schwere Zeit ein: "Die nächsten Tage werden nicht einfach. Wir rechnen mit einem deutlichen Anstieg der Infektionen, mit mehr schweren Verläufen und mit mehr Todesfällen."

In den nächsten zwei Wochen wird sich, glauben Experten, entscheiden, ob die Regierungsstrategie zur Senkung der Infektionszahlen Erfolg hat. Bleiben sie hoch, könnte im nächsten Monat, rund um mehrere jüdische Feiertage, doch ein weiterer Lockdown unvermeidlich sein. Für Premier Bennett wäre es eine Niederlage.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. August 2021 um 05:15 Uhr.