Einen israelischen Soldat, der zum Tor des Ras Al Naqoura Crossing an der Grenze zwischen Israel und dem Libanon geht | AFP

Gespräche zwischen Israel und Libanon Meilenstein auf dem Weg der Annäherung

Stand: 14.10.2020 04:30 Uhr

Jahrzehntelang sprachen sie nur übereinander, nicht miteinander. Bis heute befinden sich Israel und der Libanon offiziell im Kriegszustand. Nun treffen sich Vertreter beider Staaten erstmals zu Gesprächen über ihre umstrittene Grenze.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Hinter den Kulissen wurde zehn Jahre zäh gerungen. Um den Auftrag, das Format, Formulierungen, die Zusammensetzung der Delegationen. Textpassagen zirkulierten zwischen Beirut, Washington, Tel Aviv - sie wurden verwässert, verworfen, feingeschliffen. Die Vereinten Nationen versuchten sich als Mittler. Nun endlich kommt das Treffen zustande, das viele als "historisch" ansehen.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Erstmals sitzen heute Vertreter Israels und des Libanon an einem Tisch und sprechen direkt miteinander über ihre Grenze. Der Schauplatz der Gespräche ist der UN-Stützpunkt in Nakura im Südlibanon.

"Es ist ein historischer Augenblick", sagt Laury Haytayan, Direktorin des "Natural Resource Governance Institute" in Beirut. "Der Libanon bekommt die Chance, seine Grenzen zu definieren. Vom Norden angefangen bis zum Süden."

Gefährliche Schusswechsel an der Grenze

Tatsächlich ist der Grenzverlauf bis heute unklar. Besonders umstritten ist ein Keil von 860 Kilometern vor der Küste beider Länder. Dort werden Gasfelder vermutet. Wie groß sie sind, weiß keiner. Der Libanon aber greift in der schwersten Finanz- und Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten nach jedem Strohhalm. Die Regierung hat deshalb in dem umstrittenen Seegebiet Bohrrechte an das französische Unternehmen "Total" vergeben, was wiederum auf scharfe Kritik Israels gestoßen ist.

"Es ist die Pflicht des libanesischen Staates, die größtmöglichen Erträge aus seinen Rohstoffressourcen zu erzielen", erklärt Haytayan. Ebenso heikel ist die Landgrenze. Der Libanon beansprucht bis heute Ortschaften im Süden des Landes, die Israel kontrolliert. Immer wieder kommt es dort zu gefährlichen Schusswechseln, die schnell eskalieren können, wie zuletzt im August.

Kriegszustand statt Friedensvertrag

Quelle der Querelen ist das Fehlen eines Friedensvertrags. Offiziell befinden sich beide Länder noch immer im Krieg, Israel wurde vom Libanon als Staat nie anerkannt. Deshalb ist auch immer nur vom "Feind" oder der "Besatzungsmacht" die Rede.

Zwar gilt ein Waffenstillstand. Israel zog seine Truppen im Jahr 2000 nach 18 Jahren Besatzung und einem verlustreichen Guerillakrieg gegen die Hisbollah-Miliz aus dem Südlibanon zurück. Die von den Vereinten Nationen gezogene "blaue Linie" allerdings wich von früheren Grenzverläufen ab. Damit war Willkür Tür und Tor geöffnet. Eine völkerrechtlich verbindliche Regelung fehlt.

Kaum Kompromissbereitschaft

Nun aber stehen die Zeichen auf Annäherung. In dem Rahmenvertrag, auf den sich beide Seiten geeinigt haben, ist erstmals auch ganz offiziell von "Israel" die Rede. In gewisser Weise eine Anerkennung des Staates, auch wenn die Hisbollah und ihre Verbündeten davon nichts wissen wollen. "Wir betrachten Israel unverändert als einen Feind, der Teile des Landes besetzt hält," sagt etwa Ali Hamdan von der schiitischen Amal-Bewegung.

Die Gespräche heute aber hält er dennoch für wichtig. Es gehe um die Souveränität des Libanon und seiner Grenzen. Kompromissbereitschaft lässt der Hisbollah-nahe Politiker allerdings nicht erkennen. Israel müsse die umstrittenen Ortschaften zurückgeben und die See- und Bohrrechte vollständig dem Libanon überlassen.

"Alles kommt auf den Tisch"

Das klingt nicht nach einem schnellen Durchbruch. Dennoch ist der Druck auf beide Seiten hoch. Der Libanon steht am Abgrund. Das Land ist praktisch pleite. Die Regierung ist nur geschäftsführend im Amt. Seit Monaten gelingt es den heillos zerstrittenen Parteien nicht, sich auf ein Kabinett aus unabhängigen Experten zu einigen. Das hatten Hunderttausende Demonstranten immer wieder gefordert, ebenso wie westliche Geldgeber. Und so fallen jetzt auch Tabus.

"Die amtierende Regierung versucht, sich zu retten, indem sie alles auf den Tisch legt und zum Verkauf anbietet, inklusive dem Konflikt zu Israel", sagt Haytayan. Auch die USA wollen einen schnellen Erfolg. Nach dem Friedensabkommen zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten, Dubai und Israel hofft Präsident Donald Trump auf einen weiteren Erfolg im Nahen Osten. Eine "Normalisierung" der Beziehungen zwischen dem Libanon und Israel wäre ein historischer Durchbruch. Mit dem Tag heute ist immerhin ein erster Schritt getan. Viele weitere müssen folgen. Die Zeichen immerhin stehen auf Annäherung.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Oktober 2020 um 12:00 Uhr.