Kommentar

Palästinenser bei Protesten im Gazastreifen an der Grenze zu Israel. | Bildquelle: ALAA BADARNEH/EPA-EFE/REX/Shutte

Nahost-Konflikt Keine einfachen Antworten

Stand: 31.03.2018 20:46 Uhr

Nach den schweren Zusammenstößen an der Grenze zum Gazastreifen tobt der Kampf auf Twitter und Facebook weiter. Da wird vereinfacht, verschwiegen - dabei gibt es in diesem Konflikt keine einfachen Antworten.

Eine Kommentar von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Der Nahostkonflikt eskaliert erneut. Die Krankenhäuser im Gazastreifen sind voller Verwundeter. Was am Karfreitag am Grenzzaun zwischen Gaza und Israel passierte, gehört zu den schwerwiegendsten Vorfällen der vergangenen Jahre.

Kampf via Twitter und Facebook

Während sich die Lage inzwischen wieder etwas beruhigt hat, tobt auf Twitter und Facebook ein anderer Kampf: Eine Auseinandersetzung zwischen Freunden Israels und Anhängern der Palästinenser. Auch in diesem Konflikt wird sehr häufig in Schwarz-Weiß-Bildern gedacht und argumentiert. Und so schenken sich die Kontrahenten im Internet nichts. Beide Seiten vereinfachen - und verschweigen wichtige Informationen. Doch in diesem Konflikt gibt es keine einfachen Antworten.

Ein palästinensisches Mädchen bei den Protesten. | Bildquelle: MOHAMMED SABER/EPA-EFE/REX/Shutt
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Auch wenn es manchmal so aussieht: Es gibt keine einfachen Antworten in diesem konflikt.

Die Anhänger der Palästinenser twittern, dass friedliche Demonstranten von brutalen israelischen Soldaten förmlich hingerichtet wurden. Das ist falsch. Unter den Demonstranten befanden sich gewaltbereite Palästinenser, die israelische Soldaten angriffen. In den vergangenen Wochen wurden mehrfach Sprengsätze am Grenzzaun zu Israel installiert. Während der Demonstration wurde auch ein siebenjähriges palästinensisches Mädchen über die Grenze nach Israel geschickt. Das Mädchen blieb unversehrt, ein Hinweis, dass israelische Soldaten eben nicht wahllos in die Menge schossen.

Auf der anderen Seite die Freunde der Israelis: 30.000 Unruhestifter hätten sich an der Grenze versammelt, schrieben manche. Terroristen. Auch das ist falsch. Viele palästinensische Familien hielten ausreichend Abstand zum Grenzzaun. Sie versammelten sich vor weißen Zelten, sie demonstrierten friedlich, im Hintergrund lief Musik.

Die Wahrheit ist kompliziert und schmerzhaft

Wenn es etwas gibt, dass Beobachter im Ausland in diesem Konflikt tun können, dann das: keine einfachen Antworten zu akzeptieren. Denn die Wahrheit über diesen Konflikt ist kompliziert und schmerzhaft, weil sie Eingeständnisse von beiden Seiten verlangt.

Die Palästinenser demonstrieren, weil sie eine Rückkehr in das Land ihrer Vorfahren fordern. Vor 70 Jahren wurde der Staat Israel gegründet. Hunderttausende Palästinenser flohen während des Krieges im Jahr 1948 oder wurden vertrieben. Das sogenannte Flüchtlingsproblem wurde nie gelöst. Die Nachfahren, viele davon leben im Gazastreifen, fordern nun ein Rückkehrrecht. Zur schwierigen Wahrheit für die Palästinenser gehört: Sie werden nicht zurück können. Israel wird eine Rückkehr nicht akzeptieren.

Aber auch das gehört zur Wahrheit: Israel hat eine Verantwortung für die Nachkommen der Flüchtlinge. Die humanitäre Lage im Gazastreifen ist desolat. Das liegt nicht nur, aber auch, an der weitgehenden Blockade des Küstenstreifens durch Israel. Wenn Israel den Nachfahren der Flüchtlinge keine Rückkehr ermöglicht, müssen sie dafür entschädigt werden. Der Gazastreifen braucht ein milliardenschweres Aufbauprogramm, finanziert von der internationalen Gemeinschaft - aber auch von Israel. 

Situation im Gazastreifen verbessern

Richtig, das Gebiet wird weiterhin von der islamistischen Hamas kontrolliert, die noch immer zum Kampf gegen Israel aufruft. Mit solchen Akteuren kann man kaum verhandeln. Doch es gäbe eine Möglichkeit für Israel, die Lage zu deeskalieren. Aktuell dürfen nur extrem wenige Palästinenser den Gazastreifen in Richtung Israel verlassen. Israel könnte nun zehntausende Arbeitsgenehmigungen ausstellen. Wenn palästinensische Arbeiter endlich wieder nach Israel reisen dürften, würde das die wirtschaftliche Lage enorm verbessern.

Ein solchen Schritt fordern auch vehement Vertreter der israelischen Dörfer an der Grenze zu Gaza. Die Menschen dort leben in ständiger Gefahr - durch Raketen von militanten Palästinensern. Trotzdem machen sie sich große Sorgen um die Zivilbevölkerung im Gazastreifen, um ihre Nachbarn. Ein Schwarz-Weiß-Denken und einfache Antworten lehnen sie entschieden ab. Es wäre schön, wenn sich dieser Ansatz auch bei den Menschen auf Twitter und Facebook durchsetzen würde.

Nahostkonflikt - Keine simplen Antworten
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
31.03.2018 19:11 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. März 2018 um 19:05 Uhr.

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