Palästinensische Männer beobachten aufsteigenden Rauch nach einem israelischen Luftangriff. | Bildquelle: AFP

Nahost-Konflikt Luftangriffe nach Raketenbeschuss

Stand: 13.11.2019 21:12 Uhr

Die gezielte Tötung eines militanten Palästinenserführers hat eine neue Gewaltwelle ausgelöst. Nachdem Hunderte Raketen auf israelische Ortschaften abgefeuert wurden, bombardierte Israel erneut Ziele im Gazastreifen.

Als Reaktion auf erneute Raketenangriffe aus dem Gazastreifen hat die israelische Armee mehrere Ziele der militanten Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad bombardiert. Dabei seien 16 Menschen getötet worden, teilte das Gesundheitsministerium im Gazastreifen mit.

Nach palästinensischen Quellen handelte es sich bei den Toten um drei Zivilisten und 13 Mitglieder des Islamischen Dschihad. Damit steigt die Zahl der seit Beginn der neuen Gewaltwelle getöteten Palästinenser auf 26. Die meisten wurden nach israelischen Angaben bei dem Versuch getötet, Raketen auf Israel abzufeuern. Zudem wurden nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums mehr als 70 Palästinenser verletzt.

Israels Armee teilte mit, sie habe mit einer Reihe von Luftangriffen auf erneute Raketenangriffe aus dem Gazastreifen in der Nacht reagiert. Dabei sei auch eine Raketenabschussbasis des Islamischen Dschihad beschossen worden. Israels neuer Verteidigungsminister Naftali Bennett warnte, sein Land werde nicht zögern, weitere Kämpfer im Gazastreifen ins Visier zu nehmen. Israel sende eine klare Botschaft an seine Feinde: "Wer auch immer vorhat, uns am Tag zu schaden, wird in der Nacht niemals sicher sein."

Abfangraketen des israelischen "Iron Dome" | Bildquelle: AFP
galerie

Das israelische Luftabwehrsystem "Iron Dome" fing nach Armeeangaben rund 90 Prozent der palästinensischen Raketen ab.

Mehr als 200 Raketen auf Israel abgefeuert

Israel hatte am Dienstagmorgen gezielt das Haus des Islamischer-Dschihad-Anführers Baha Abu Al Ata angegriffen. Dabei wurden Ata und dessen Frau getötet. Al Ata soll Drahtzieher der jüngsten Raketenangriffe auf Israel gewesen sein. Im Verlauf des Tages wurden acht weitere militante Palästinenser bei Luftangriffen getötet. Nach Angaben der israelischen Armee hatten sie neue Raketenangriffe vorbereitet oder schon ausgeführt.

Der Islamische Dschihad nannte den tödlichen Angriff auf seinen Militärchef eine "Kriegserklärung" Israels, es seien damit "alle roten Linien überschritten" worden. Die Miliz und die im Gazastreifen regierende radikalislamische Hamas kündigten in der Folge Vergeltung an. Seither wurden aus dem Gazastreifen mindestens 220 Raketen auf Israel abgefeuert. Nach Angaben der israelischen Armee wurden 90 Prozent der Raketen vom Luftabwehrsystem "Iron Dome" abgefangen.

Israelische Truppen an Grenzorte verlegt

In den israelischen Städten Netivot und Aschkelon im Süden Israels war nach Armeeangaben auch am Morgen Raketenalarm zu hören. Die Städte liegen unweit der Grenze zum Gazastreifen. Rund 50 Israelis wurden nach Angaben von Sanitätern verletzt. Aus Sorge vor weiterer Gewalt sollen die Schulen in israelischen Grenzorten wie Sderot geschlossen bleiben.

Angesichts der Eskalation berief die israelische Armee Hunderte Reservisten ein. Die Armee verlegte nach eigenen Angaben verstärkt Truppen auch mit schwerem Geschütz ins Grenzgebiet. Die beiden Grenzübergänge von Israel in den Gazastreifen blieben bis auf Weiteres geschlossen.

Netanyahu droht mit weiteren Angriffen

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu drohte den Palästinensern mit zusätzlichen Angriffen. "Wir greifen weiter den Islamischen Dschihad an, nachdem wir den führenden Dschihad-Kommandanten im Gazastreifen unschädlich gemacht haben." Der Extremistengruppe sei klar, "dass wir sie weiter gnadenlos angreifen werden". Er schwor die Bürger auf eine längere Auseinandersetzung ein. "Wir wollen keine Eskalation, aber wir reagieren hart auf jeden Angriff."

Israel sei zu weiterem Beschuss bereit, solange es aus Gaza mit Raketen angegriffen werde, sagte Netanyahu. Der Islamische Dschihad müsse die Entschlossenheit Israels verinnerlichen. "Sie haben eine Chance: Entweder diese Attacken zu stoppen oder mehr und mehr Schläge hinzunehmen."

Ägypten und UN wollen Lage beruhigen

Die aktuellen Auseinandersetzungen sind die schwersten in der Region seit Monaten. Ägypten und die Vereinten Nationen bemühen sich nach israelischen Medienberichten um eine Beruhigung der Lage und vermitteln intensiv hinter den Kulissen.

Der Islamische Dschihad ist die kleinere der beiden wichtigsten militanten Palästinenserorganisationen im Gazastreifen, neben der deutlich einflussreicheren Hamas. Der Iran, der große Rivale Israels in der Region, unterstützt die Gruppe finanziell und militärisch. Die meisten Waffen der Gruppe werden aber vor Ort produziert.

US-Vizepräsident Mike Pence verurteilte die Raketenangriffe auf Zivilisten in Israel. "Es ist klar, dass Hamas und der Palästinensische Islamische Dschihad die Gewalt vor ein besseres Leben der Menschen in Gaza stellen", twitterte Pence. Israel habe das Recht auf Selbstveteidigung, schrieb er.

Israel und Gazastreifen: Zwischen Deeskalation und Kriegsgefahr
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
13.11.2019 12:23 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. November 2019 um 10:00 Uhr.

Darstellung: