Zerstörtes Haus in Ashkelon | Bildquelle: AFP

Besuch im Kibbuz Nir Am Zwischen den Fronten

Stand: 14.11.2018 03:59 Uhr

Nach einer zweitägigen heftigen Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern gibt es einen Waffenruhe. Ein Besuch bei Israelis, die unter den Angriffen leiden - und weitere befürchten.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Zweites Frühstück bei der Familie Alscheich. Die Nacht hat die vierköpfige israelische Familie im Schlafzimmer des zehnjährigen Jungen verbracht, denn dieses Zimmer hat verstärkte Wände. Die Alscheichs leben im Kibbuz Nir Am, an der Grenze zum Gazastreifen. In der Nacht gab es mehrfach roten Alarm. Militante Palästinenser schossen mehr als 400 Raketen in Richtung Israel - so viele wie noch nie.

Bei Alarm bleiben den Alscheichs etwa zehn Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. "Am verstörendsten ist es, wenn sich deine Kinder im Badezimmer duschen", sagt der Vater, Alon Alscheich. "Wir hatten schon Momente, da waren meine Kinder im Badezimmer und es gab einen Alarm. Wir überlegen also immer: Warte ich mit dem Duschen, bis die nächste Angriffswelle vorüber geht? Das ist wirklich dämlich. Und auch sehr traurig."

Soldaten im Kibbuz Nir Am | Bildquelle: JIM HOLLANDER/EPA-EFE/REX/Shutte
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Soldaten bewachen das Kibbuz Nir Am.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Im Kibbuz Nir Am ist es idyllisch. Aber von oben sind Kampfjets der israelischen Luftwaffe zu hören. Als Reaktion auf die Raketen griff die israelische Armee Dutzende Stellungen und Einrichtungen der Hamas an, die Gaza kontrolliert. Die Hamas wiederum begründet ihre Angriffe mit dem Einsatz einer israelischen Spezialeinheit mitten im Gazastreifen, bei dem ein israelischer Soldat und sieben palästinensische Kämpfer starben.

Jonathan Conricus, der Sprecher der israelischen Armee, will nicht verraten, was die israelische Spezialeinheit im Gazastreifen machte. Die Schlussfolgerung der Hamas, man reagiere nur auf den Einsatz, weist er zurück: "Seit dem Vorfall sind nun mehr als 36 Stunden vergangen, und noch immer wird Israel mit Raketen angegriffen. Es geht gar nicht darum, ob unsere Operation ein Auslöser war. Die Hamas will gezielt israelische Zivilisten töten und Schäden anrichten, wie wir hinter mir sehen können."

Der Armeesprecher steht vor einem mehrstöckigen Haus in Aschkelon, einer Stadt, die etwas nördlich vom Gazastreifen liegt. In der Nacht schlug hier eine Rakete ein. Eine Wand des Hauses ist verschwunden, die Wohnungen sind total verwüstet. Ein palästinensischer Gastarbeiter starb, zwei Israelinnen wurden schwer verletzt.

Der Armeesprecher sagt, es liege nun in der Hand der Hamas, ob die Lage weiter eskaliere. Ähnliche Äußerungen kommen von der Hamas. Aber natürlich zeigt die mit dem Finger auf Israel. "Israel verwirft sämtliche Bemühungen der internationalen und regionalen Vermittler", sagte ein Hamas-Sprecher. "Sollte Israel diesen Weg und die Aktionen gegen die palästinensischen Fraktionen weiter verfolgen, werden wir unsere Antwort erweitern."

Zerstörtes Haus in Aschkelon | Bildquelle: AP
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Eine Rakete zerstörte das Apartmenthaus - und tötete einen palästinensischen Gastarbeiter.

Vorläufiger Waffenstillstand

Mehrfach hat die Hamas damit gedroht, Raketen auch in Richtung von Tel Aviv zu schießen - einer Stadt, in der es aktuell noch ruhig ist. Am frühen Abend verkündeten mehrere Fraktionen der Palästinenser, dass man sich mit Israel auf eine Waffenruhe geeinigt habe - unter Vermittlung Ägyptens.

Alon Alscheich, der mit seiner Familie im Kibbuz am Gazastreifen lebt, bleibt skeptisch. Er ist die ständige Ungewissheit leid. Die Konfliktparteien spielten Ping Pong über den Köpfen der Zivilbevölkerung. Der Israeli sehnt sich nach einer langfristigen Lösung. Ein Krieg sei immer traurig, sagt er. Doch wenn sich seine Regierung dafür entscheiden sollte, würde Alon Alscheich das unterstützen.

 

Eskalation zwischen Israel und der Hamas
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
13.11.2018 23:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. November 2018 um 04:57 Uhr.

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