Naftali Bennett | AP
Porträt

Regierungsbildung in Israel Naftali Bennett - Hardliner am Ziel?

Stand: 07.06.2021 04:04 Uhr

Mit einer Anti-Netanyahu-Koalition könnte Bennett zum israelischen Ministerpräsidenten werden. Aktuell präsentiert er sich als Versöhner: Doch bislang fiel er vor allem als Hardliner auf.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Der Mann im dunklen Anzug wirkte ruhig, souverän, staatsmännisch. Naftali Bennett schaute in die Kamera und versicherte den Israelis: Ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen. "Daher gebe ich bekannt, dass ich all meine Kraft für die Bildung einer Einheitsregierung zusammen mit meinem Freund Jair Lapid einsetzen werde . Damit wir den Staat gemeinsam aus dieser Endlosschleife befreien und Israel wieder auf den richtigen Weg bringen können", sagte Bennett.

Als Versöhner, das Wohl des Landes fest im Blick - so präsentiert sich Bennett zur Zeit. Der Vorsitzende der nationalreligiösen Jamina-Partei, die bei den Wahlen im März nur sechs Prozent der Stimmen holte, vermeidet momentan radikale Töne. Bennett kam in Haifa als Sohn jüdischer Einwanderer aus den USA zur Welt. Nach einem Jurastudium baute er ein IT-Startup auf, ging in die USA, verkaufte das Unternehmen äußerst profitabel und hätte sich zur Ruhe setzen können. Bennett entschied sich für die Politik und die Likud-Partei von Benjamin Netanyahu. Er war dessen Stabschef in Netanyahus Zeit als Oppositionsführer.

Interessenvertreter der Siedler

Dann trennten sich die Wege. Bennett arbeitete für eine Regionalverwaltung jüdischer Siedler im Westjordanland und gründete die Partei Jüdisches Heim, mit der er 2013 ins Parlament einzog. Der tief religiöse Bennett legte sich das Image des rechten Hardliners zu. Er selbst lebt mit Frau und mittlerweile vier Kindern nahe Tel Aviv und nicht in einer Siedlung im Westjordanland, das er nur Judäa und Samaria nennt. Politisch wurde er zum Interessenvertreter der Siedler. Er ist gegen einen palästinensischen Staat und für eine Annexion weiter Teile der besetzten Gebiete.

2014 sagte Bennett: "Ein Volk kann in seinem Land kein Besatzer sein. Ein Volk ist kein Besatzer eines Landes, dessen Stätten in den Geschichten der Bibel genannt werden." In der gleichen Rede 2014 lehnte der rechte Politiker Friedensverhandlungen mit den Palästinensern kategorisch ab. "Verhandlungen haben nur zu Terror geführt. Das vergangene Jahr war das Ruhigste seit dem Yom-Kippur-Krieg, denn es gab keine politischen Gespräche. Und obwohl es diesen Prozess nicht gab, wurde kein einziges Opfer des Terrors in Jerusalem und in Judäa und Samaria verzeichnet."

Während seiner Armeezeit diente Bennett in einer angesehenen Eliteeinheit. Als ihm vorgeworfen wurde, er habe sich damit gebrüstet, viele Araber getötet zu haben, entgegnete Bennett in einer Rede im Parlament 2015: "Das habe ich nie gesagt. Ich sagte, dass ich im Rahmen meines Wehrdienstes viele Terroristen getötet habe, dass dies eine gute Sache war und dass ich bedauere, nicht mehr getötet zu haben. Denn jeder, der die Hand gegen den Staat Israel erhebt, muss sterben."

Zunehmend von Netanyahu entfernt

Bennett war mehrmals Minister in Netanyahu-Regierungen, aber die beiden Männer entfernten sich zunehmend voneinander, obwohl sie ideologisch viel verbindet. Bennett betont immer wieder, dass er politisch weiter zum rechten Lager gehört. "Wir sind von unseren Werten nicht abgekommen. Freunde, das wird keine Regierung, die Siedlungen räumt oder Gebiete hergibt. Diese Regierung wird auch nicht zögern in eine Militäroperation zu ziehen, wenn es notwendig ist."

Wenn Bennett und seine Koalitionspartner den Machtwechsel schaffen, hätte er erreicht, was er schon lange will: Er würde mit 49 Jahren der zweitjüngste Premierminister in der israelischen Geschichte werden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. Juni 2021 um 15:28 Uhr.