Israelische Armee zerstört Beduinendorf im Jordantal | AFP

UN kritisieren Vorgehen Israel zerstört Beduinen-Dorf im Jordantal

Stand: 10.11.2020 18:59 Uhr

Während die Welt auf die Wahl in den USA schaut, zerstört Israel im Jordantal ein Beduinendorf. Die Begründung: Die Gebäude seien nicht genehmigt, außerdem durch militärische Übungen gefährdet. Die UN sind dennoch alarmiert.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Abed al-Ghani steht neben einem Trümmerhaufen aus Wellblech und Zeltplane, der bis vor Kurzem noch sein Zuhause war. Der Beduine wohnt mit seiner Familie im kleinen Dorf Khirbet Humsa im nördlichen Teil des von Israel besetzten Jordantals.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Am 3. November, dem Tag der US-Präsidentschaftswahl, kamen israelische Soldaten in das Dorf. Mit Bulldozern wurden die meisten der sehr einfachen Behausungen und Ställe abgerissen. Elf Familien, insgesamt mehr als 70 Menschen, verloren das Dach über dem Kopf, erzählt al-Ghani.

"Die Lebensbedingungen hier sind sehr hart. Wir haben mit Hitze, Kälte und Wasserknappheit zu kämpfen. Die nächste Quelle ist 14 Kilometer entfernt. Nun haben die Israelis unsere Wohnungen zerstört und wir haben für unsere Kinder keine Bleibe mehr."

Israelische Armee zerstört Beduinendorf im Jordantal | AFP

Nach der Zerstörung durch israelische Soldaten schauen Bewohner von Khirbet Humsa, ob sich in den Trümmmern noch etwas Brauchbares findet. Bild: AFP

Internationale Hilfe für Israels Beduinen

Das Dorf liegt in dem Teil der Palästinensergebiete, in dem Israel für die zivile und militärische Verwaltung zuständig ist. Wenn Palästinenser in diesen sogenannten C-Gebieten Baugenehmigungen beantragen, werden die im Regelfall abgelehnt.

Weil die Beduinen von Khirbet Humsa ihre Hütten, Zelte und durch internationale Hilfsgelder finanzierten Sanitäreinrichtungen ohne Genehmigung errichtet hätten, seien sie nun abgerissen worden - so lautete die Begründung der zuständigen israelischen Militärverwaltung.

Die Armee verweist auch darauf, dass sich das Dorf auf einem Truppenübungsplatz befindet und Gefahr für die Bewohner bestehe. Allerdings befindet sich in dem Übungsgebiet auch eine israelische Siedlung. Die Häuser dort sind nicht vom Abriss bedroht.

UN-Sprecherin sieht Verstöße gegen 4. Genfer Abkommen

Die Vereinten Nationen verurteilten den Abriss der Beduinenhütten und vermuten, die beduinische Bevölkerung solle vertrieben werden. UN-Sprecher Stephane Dujarric erklärte in New York, die umfassende Zerstörung und die Vertreibung Schutzbedürftiger in einem besetzten Gebiet seien schwerwiegende Verstöße gegen das 4. Genfer Abkommen: "Die humanitäre Gemeinschaft ist bereit, den Vertriebenen oder anderweitig Betroffenen zu helfen und wiederholt ihre Aufforderung an Israel, diese unrechtmäßigen Abrisse sofort zu beenden."

Die Bundesregierung schloss sich der Kritik an. Das Auswärtige Amt sprach von einem besorgniserregenden Trend von Beschlagnahmungen und Abrissen im Westjordanland. Israel wurde aufgerufen, seiner Verpflichtung zum Schutz von Zivilisten in besetzten Gebieten nachzukommen.

Die jüdische Siedlung Mitzpe Yeriho im Westjordanland | AP

Gut 440.000 Menschen leben in jüdischen Siedlungen wie Mitzpe Yeriho im Westjordanland. Für viele verstoßen diese gegen internationales Recht. Bild: AP

"Abriss im Widerspruch zu internationalem Recht"

Nach Schätzungen der UN wurden seit Jahresbeginn mehr als 550 palästinensische Bauten und Unterkünfte von den israelischen Behörden abgerissen. Der Repräsentant der EU in den palästinensischen Gebieten, der deutsche Diplomat Sven Kühn von Burgsdorff, machte sich in Khirbet Humsa selbst ein Bild von den Zerstörungen. "Es ist völlig klar, dass dieser Abriss, der elf Familien mit mehr als 40 Kindern trifft, im Widerspruch zu internationalem Recht steht", sagte er.

Dass die israelischen Bulldozer ausgerechnet jetzt kamen, ist für Mahmud Bsharat kein Zufall. Auch er hat sein Zuhause in Khirbet Humsa verloren. "Israel treibt die Zerstörungen im Jordantal voran, während die Welt mit den US-Wahlen beschäftigt ist", sagt er. "Israel nutzt das aus, um hier Bauten abzureißen und die Bewohner im Jordantal zu vertreiben."

Für immer wegziehen wollen die meisten Bewohner von Khirbet Humsa nicht. Für sie ist das Jordantal ihre Heimat.

 

Dieser Beitrag lief am 10. November 2020 um 06:20 Uhr im Deutschlandfunk.

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Moderation 10.11.2020 • 21:13 Uhr

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