Der israelische Grenzschutz blockiert eine Straße in Bnei Brak. | Bildquelle: ABIR SULTAN/EPA-EFE/Shutterstock

Coronavirus-"Hotspots" Israel riegelt streng religiöse Gegenden ab

Stand: 04.04.2020 04:19 Uhr

Bnei Brak, die größte von streng religiösen Juden bewohnte Stadt Israels, ist praktisch eine Sperrzone. Im ganzen Land sind ultra-orthodoxe Gemeinden sogenannte "Corona-Hotspots".

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Ein Polizeiwagen fährt durch die Straßen von Bnei Brak. Per Lautsprecher werden die Einwohner aufgerufen, die Anordnungen der Behörden einzuhalten, zu Hause zu bleiben, die Wohnungen nur für Einkäufe und Arztbesuche zu verlassen. Aus ihrer Stadt heraus können die rund 200.000 Bewohner von Bnei Brak sowieso nicht mehr.

Die größte von streng-religiösen Juden bewohnte Stadt Israels ist abgeriegelt und zur Sperrzone erklärt. Dutzende von Checkpoints wurden errichtet. 1000 Polizisten, unterstützt von der Armee, sind im Einsatz, patrouillieren unter Anderem in den Straßen. Drohnen überwachen Bnei Brak aus der Luft. Anders als noch in den vergangenen Wochen, halte sich die ultraorthodoxe Bevölkerung nun überwiegend an die Anti-Corona-Auflagen, sagt der zuständige Polizeioffizier Shlomi Sagi.

"Was uns wirklich hilft, sind die Anweisungen der Rabbiner, zum Beispiel der Aufruf, nicht mehr in Gruppen von bis zu zehn Leuten zu beten, sondern alleine. Jeder hat die Pflicht, uns Verstöße gegen diese Regel zu melden, und in unserer Zentrale verzeichnen wir einen Anstieg solcher Hinweise. Wir reagieren grundsätzlich darauf und sind sehr streng, wenn es um die Einhaltung der Vorschriften geht."

Es gibt auch Unverständnis und Widerstand

Nach wie vor treffen die Behörden in den streng-religiösen Wohnvierteln aber auch auf Unverständnis und Widerstand wenn sie versuchen, Anordnungen zur Pandemie-Bekämpfung durchzusetzen.

Als Nazis beschimpft ein kleiner Junge mit Schläfenlocken Polizisten in Bnei Brak. Der Ort ist ein sogenannter "Corona-Hotspot" in Israel - zeitweise war die Infiziertenzahl dort achtmal so hoch wie im Landesschnitt. Ein Experte des Gesundheitsministeriums äußerte im israelischen Parlament die Sorge, dass 40 Prozent der Einwohner von Bnei Brak infiziert sein könnten. Die Armee hilft nun dabei, mehr als 4500 Bewohner, die 80 Jahre und älter sind, zu evakuieren. Verteidigungsminister Naftali Bennet sagt:

"Die Corona-Pandemie schlug vor allem in Bnei Brak zu. Die Alten stellen ein Problem dar. Sie befinden sich in unmittelbarer Lebensgefahr. Deshalb operiert die Armee nun in Bnei Brak. Die Aufgabe ist: die Alten herauszuholen und sie zu ihrem Schutz in Hotels zu bringen. Gemeinsam kümmern uns um die Menschen in Bnei Brak."

Corona-Bedrohung lange nicht ernst genommen

Auch in anderen von Ultra-Orthodoxen Juden bewohnten Städten und Vierteln sind die Fallzahlen sehr hoch. Israels streng-religiöse Juden hatten die Corona-Bedrohung lange nicht ernst genommen. Warnungen der Behörden wurden ignoriert - auch und gerade von vielen wichtigen Rabbinern, deren Wort unter den Streng-Religiösen mehr zählt als Anordnungen der Regierung. Die Welt der Ultra-orthodoxen gerate zur Zeit aus den Fugen, glaubt Avishai Ben Haim, Experte für Religionsfragen des Senders Kanal 13. Die Gläubigen würden nun erkennen, dass die Thora sie nicht vor dem Virus schütze, erklärt Ben Haim.

"Ein anderer Pfeiler des Systems war immer die Abschottung gegenüber der modernen Welt mit ihrer Technik inklusive dem Internet. Und auf einmal merkt man, dass das Internet tatsächlich Leben retten kann."

Die israelischen Behörden warnen mögliche Kontaktpersonen von Corona-Infizierten mit Textnachrichten auf die Telefone. Bei den technisch abgeschotteten Ultra-Orthodoxen kamen solche Warnungen nicht an. Prominentes Beispiel für den zu sorglosen Umgang mit der Corona-Gefahr ist ausgerechnet Israels Gesundheitsminister. Yaakov Litzman, auch er ein ultraorthodoxer Jude, verstieß Medienberichten zufolge gegen die Vorgaben der Regierung. Auch der Gesundheitsminister ist nun an Corona erkrankt.

Abgeriegelt - Israels "Corona-Hotspots" in streng religiösen Gegenden
Tim Aßmann, ARD Tel Aviv
04.04.2020 08:04 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. April 2020 um 07:43 Uhr.

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