Der Skiort Ischgl in Österreich | AFP

Klagen nach Corona-Ausbruch in Ischgl Ski-Urlaub mit schweren Folgen

Stand: 23.09.2020 10:24 Uhr

"Wir wollen kein zweites Ischgl" - dieser Satz fällt häufig, wenn vor dem Coronavirus gewarnt wird. Von dort verbreitete sich das Virus nach ganz Europa - weil Behörden zu spät reagierten, sagen Betroffene, die nun klagen.

Von Clemens Verenkotte,

ARD-Studio Wien

Martina B. ist 52 Jahre alt und hat sich im März in Ischgl mit dem Coronavirus infiziert. Wie jeden Winter fährt die Frankfurter Beamtin mit ihren beiden erwachsenen Töchtern und ihrem Mann zum Snowboard-Fahren ins Tiroler Paznauntal.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Am 8. März reisen sie an, hatten sich vorher noch im Hotel erkundigt, ob es sicher sei zu kommen. "Nachdem wir nachgefragt hatten, ob das Gebiet soweit okay ist, und der Hotelier uns unsere Sorgen nahm, haben wir am Montag unseren Snowboard-Urlaub im Skigebiet begonnen. Das bedeutet, dass nichts, rein gar nichts darauf hinwies, welche Problematik schon in Tirol herrschte."

 Fünf Wochen Einzelisolation

Am 13. März, jenem berüchtigten Freitag, den 13., mussten sie, zusammen mit rund 8000 bis 10.000 Gästen, überstürzt und vollkommen unkoordiniert das Tal verlassen. Kurz zuvor war am frühen Nachmittag die Quarantäne über Ischgl und die umliegenden Skigebiete verhängt worden. Sie kehrten um 6.00 Uhr am Samstagmorgen nach zwölfstündiger Autofahrt nach Frankfurt am Main zurück.

Kurz darauf zeigten sich bei Martina B. deutliche Symptome. "Meinen Verlauf bezeichnet man als mittelschwer. Das bedeutet, dass ich im Krankenhaus war, aber nicht intensivmedizinisch beatmet wurde. Ich war insgesamt fünf Wochen in Einzelisolation. Die Folgen von Corona spüre ich heute noch extrem. Ich habe seit fast sechs Monaten meinen Geruchs- und meinen Geschmackssinn komplett verloren. Ich habe einen Lungenschaden erlitten, der irreparabel ist und meine Lebensbedingungen stark einschränkt und eventuell auch meine Lebenserwartung. Ich habe einen leichten Herzschaden erlitten und habe derzeit auch noch Nervenprobleme im Hirnbereich, die sich auf meine Motorik und auch auf meine Hirnleistungen auswirken", so die 52-Jährige.

6000 Kläger aus 45 Ländern

Martina B. ist eine von mehr als 6000 Ischgl-Urlaubern, die seit Ende März dem Aufruf des österreichischen Verbraucherschutzvereins gefolgt sind, sich zu melden. Aus 45 Ländern meldeten sich Geschädigte, darunter 4000 Menschen aus Deutschland, 500 aus den Niederlanden, 500 aus Großbritannien und weitere aus den skandinavischen Ländern. Davon erklärten sich mehr als 1000 Menschen bereit, gegen die Republik Österreich und das Bundesland Tirol zu klagen.

Vom Ausmaß der Rückmeldungen sei er überrascht worden, sagt Peter Kolba, der Vorsitzenden des Verbraucherschutzvereins in Wien. "Unser Pfand sind 6000 Leute, die vor Ort waren und die ganz genau beschreiben, was passiert ist und wie es ihnen ergangen ist", sagt Kolba. "Ein bis zwei Prozent waren im Krankenhaus, auch teils auf der Intensivstation, und bis heute zählen wir 32 Verstorbene."    

Von Ischgl in die Welt

Wer ist dafür verantwortlich? Wo liegen gegebenenfalls die Versäumnisse? Und bei wem? War es Fahrlässigkeit oder Vorsatz, Überforderung oder Unvermögen?

In der Nacht vom 4. auf den 5. März schicken die isländischen Behörden ihre Warnung über das Europäische Frühwarnsystem an das Gesundheitsministerium nach Wien: Acht Rückkehrer aus Ischgl seien positiv getestet. Zu diesem Zeitpunkt halten sich rund 11.000 ausländische Touristen im Paznauntal auf. Am 7. März wird der Barmann des Kitzloch positiv getestet. Am 10. März werden alle Après-Ski-Lokale geschlossen, die Skilifte laufen weiter.

Am Vormittag des 13. März greift Tirols Landeshauptmann Günther Platter zum Telefon und informiert die Clubobleute - also die Fraktionschefs - im Tiroler Landtag, darunter Dominik Oberhofer von den liberalen NEOS in Innsbruck. Kurze Zeit später wird über das Paznauntal die Quarantäne ausgerufen. Tausende Touristen treten daraufhin kurzerhand die Rückreise an. "Ich habe gedacht, die tragen ja das Virus nach ganz Europa", erinnert sich Oberhofer.

Vorwurf der Unterlassung und Fahrlässigkeit 

Die "Amtshaftungs-Anklageschrift" - so die offizielle Bezeichnung -  gegen die österreichische Bundesregierung und die Tiroler Landesregierung, die der Verbraucherschutz-Chef Kolba beim Wiener Landesgericht einreicht, basiert auf drei Vorwürfen.

Erstens: In der Woche vom 7. bis 13. März seien die notwendige Schließung des Paznauntals sowie zumindest die Warnung der Touristen unterlassen worden, nachdem das Coronavirus in Ischgl nachgewiesen worden war.

Zweitens: Vermutlich aus wirtschaftlichen Gründen ließen die Tiroler Landesregierung und Sanitätsbehörden den Skibetrieb in Ischgl bis zum 13. März aufrechterhalten.

Drittens: Die Bundesregierung, insbesondere Bundeskanzler Sebastian Kurz, habe durch die abrupte Verhängung der Quarantäne am frühen Nachmittag des 13. März das chaotische Abreise-Desaster der ausländischen Gäste ausgelöst und somit fährlässig zur Verbreitung des Virus beigetragen.

Martina B., die unter den Folgen der schweren Erkrankung zu leiden hat, hofft durch die Klageeinreichung auf Gerechtigkeit. "Denn viele Menschen sind betroffen; einige so schwer, dass sie ihre Lieben verloren haben."

Über dieses Thema berichtete WDR 5 Morgenecho am 23. September 2020 um 07:41 Uhr.