Frauen und Kinder im Gefangenenlager Al-Haul in Nordsyrien | Bildquelle: AFP

Kinder deutscher IS-Kämpfer Unterernährt und in Lebensgefahr

Stand: 25.03.2019 17:00 Uhr

In nordsyrischen Gefangenenlagern sitzen Hunderte Kleinkinder ausländischer IS-Anhänger fest. Auch etwa 60 deutsche Kinder befinden sich dort. Nach NDR-Recherchen geht es einigen lebensbedrohlich schlecht.

Von Britta von der Heide und Volkmar Kabisch, NDR

Ihre Ärmchen sind spindeldürr, die winzigen Wangenknochen treten spitz hervor, am ganzen Körper hat sie rote Ausschläge einer Pilzinfektion. Maria, so heißt die Kleine, ist deutsche Staatsbürgerin und derart unterernährt, dass eine einfache Infektion zum Tode führen könnte. Sie ist gerade einmal drei Monate alt und hat doch schon vieles erlebt.

Geboren wurde Maria im Osten Syriens, in der bis zuletzt umkämpften Kleinstadt Baghus als Tochter zweier Deutscher, die sich der IS-Terrormiliz angeschlossen hatten. Nun, nachdem sich die Eltern ergeben haben, lebt sie mit ihrer Mutter in einem Internierungslager der kurdisch dominierten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF).

Maria ist nach Recherchen des NDR einer von mehreren Fällen deutscher Kleinkinder, die in einem lebensbedrohlichen Zustand mit ihren Müttern in Nordsyrien interniert sind. Die in Niedersachsen lebende Großmutter eines weiteren Kindes klagt, ihr Enkel liege im syrischen Gefangenenlager al-Haul fast im Sterben.

Eines der Kinder deutscher IS-Angehöriger in einem nordsyrischen Gefangenenlager | Bildquelle: privat
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Eines der Kinder deutscher IS-Angehöriger in einem nordsyrischen Gefangenenlager

"Warum sollen sie sterben?"

Während sie ein Foto der Kinder ihres Sohnes in den Händen hält, bittet sie die deutschen Behörden um Hilfe. "Ich möchte nur, dass sie die Kinder retten. Die können nichts dafür. Die haben sich das nicht ausgesucht. Warum sollen sie sterben?"

Das Auswärtige Amt teilt seit Monaten immer wieder mit, man könne vor Ort keine konsularische Betreuung gewährleisten. Schließlich gebe es seit Schließung der deutschen Botschaft in Damaskus keine diplomatischen Beziehungen mehr zu Syrien.

Dirk Schoenian vertritt die Großmutter als Anwalt. Er hält die Aussagen der deutschen Diplomaten für nicht stichhaltig. "Die Bundesrepublik hat eine Verpflichtung gegenüber ihren eigenen Staatsangehörigen und die haben auch einen Anspruch gegenüber der Regierung auf Beistand", sagt er. Sollte es zu Todesfällen kommen, dann trüge die Bundesregierung dafür zumindest eine Mitverantwortung.

Kurden offen für Übergabe von IS-Frauen und Kindern

Die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien bietet der Bundesregierung an, Kinder und Frauen deutscher IS-Kämpfer zu übergeben. Das bestätigte deren in Berlin ansässige Vertreter, Ibrahim Murad: "Wenn die Bundesregierung sagt, okay, wir wollen sie haben, dann können wir sie übergeben", sagte Murad in einem Interview mit dem ARD-Magazin Fakt. Logistisch sei eine Rückführung kein Problem. Die Kurden würden alle erforderlichen Vorbereitungen vor Ort treffen.

Die kurdische Selbstverwaltung kümmere sich inzwischen um fast eine Million Binnenflüchtlinge in Nord- und Ostsyrien, die in verschiedenen Lagern untergebracht seien. Das sei eine schwere Last: "Dieses Problem ist ja nicht nur unser Problem. Es ist ein globales Problem. Wenn es den politischen Willen gibt, dann können wir zusammenarbeiten und zusammen eine Lösung finden", ergänzte Murad.

Die Bundesregierung solle das Schicksal der deutschen Kinder und Frauen in den kurdischen Flüchtlingslagern endlich ernst nehmen. Laut Murad befinden sich ungefähr 1000 ausländische IS-Kämpfer sowie 1000 ausländische Frauen im kurdischen Gewahrsam. Die Zahl der deutschen Staatsbürger bezifferte er mit rund 50, inklusive Kinder. Täglich kämen neue hinzu.

Seit Anfang des Jahres 25 Kinder gestorben

Nach UN-Angaben starben in den Lagern in Nordsyrien seit Jahresbeginn bereits 25 Kinder ausländischer IS-Anhänger. Weltweit Schlagzeilen machte der Fall des drei Wochen alten Säuglings der britischen Dschihadistin Shamima Begum. Es war im Lager al-Haul gestorben, nachdem die britische Regierung der Mutter die Staatsangehörigkeit aberkannt hatte.

In dem Lager leben inzwischen fast 70.000 Menschen, darunter mindestens 60 deutsche Kinder mit ihren Müttern. Sofia (Name geändert, Anm. d. Red.) ist eines der deutschen Kinder. Das fünf Monate alte Baby hatte Wassereinlagerungen im Kopf. Die "Bild-Zeitung" berichtete zuerst über den Fall. Inzwischen wurde die Kleine in einem nahegelegenen Krankenhaus operiert. Ihr geht es inzwischen offenbar besser. Ob sie damit außer Lebensgefahr ist, bleibt unklar.

Recherche zur Situation von Kindern deutscher IS-Kämpfer
tagesschau 17:00 Uhr, 25.03.2019, B. von der Heide, V. Kabisch, NDR

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Deutschland plant keine Rückholaktionen

Frankreich hat zuletzt fünf Kinder aus dem Gefangenenlager nach Paris zurückgeholt, obwohl auch die französische Botschaft in Syrien seit Jahren geschlossen ist. Bei den Kindern handelte es sich nach offiziellen Angaben um Halb- und Vollwaisen französischer IS-Anhänger. Deutschland plant solche Rückholaktionen nach jetzigem Stand nicht.

Auf Anfrage des NDR zu der Situation der Kinder antwortet das Auswärtige Amt nur allgemein. Die Bundesregierung prüfe mögliche Optionen, um deutschen Staatsangehörigen, auch in humanitären Fällen, eine Rückführung nach Deutschland zu ermöglichen. Man versuche außerdem, "deutschen Staatsangehörigen, insbesondere Kindern, in prekären Einzelfällen, über Partnerorganisationen, die in den Flüchtlingslagern vor Ort tätig sind, die erforderliche medizinische Hilfe vor Ort zukommen lassen". Die Recherchen des NDR zeigen jedoch, dass dies anscheinend nicht passiert, jedenfalls nicht in ausreichendem Maße.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. März 2019 um 17:00 Uhr.

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