Soldaten an der irakisch-syrischen Grenze

Kampf um letzte IS-Enklave Von allen Seiten belagert

Stand: 08.03.2019 14:07 Uhr

Der Ring um die letzte IS-Hochburg zieht sich zu: Etwa 1000 Kämpfer sollen noch im syrischen Baghus ausharren. Auf irakischer Seite sorgen sich die Menschen um ihre Verwandten.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo, zzt. Baghus

Baghus ist ein beschauliches Dorf: 150 Einwohner, viele Ein- und Mehrfamilienhäuser, eine Moschee, Lebensmittelgeschäfte, eine Schreinerei. Sie leben von Landwirtschaft und Viehzucht. Tagsüber sind die meisten Männer auf dem Feld. Die Kinder gehen zur Schule. Friedlicher Alltag in einem Dorf, von denen es Tausende im Irak gibt.

Angst um Familie und Freunde

Allerdings liegt es nur wenige hundert Meter von der syrischen Grenze entfernt. Auf der anderen Seite liegt der gleichnamige Nachbarsort, der traurige Berühmtheit erlangt hat. Dort, im syrischen Baghus, läuft die Schlacht gegen die letzte IS-Hochburg. Das Dorf gegenüber sieht ganz ähnlich aus, sagen sie auf irakischer Seite. Viele haben dort Familie und Freunde.

Früher, als die Grenze noch offen war, herrschte reger Austausch und Handel. Heute haben nur die wenigsten noch Kontakt mit den Menschen auf der anderen Seite. "Wir haben Verwandte da drüben", sagt Gomaa Hatem. "Ihr Leben ist sehr schwer. Sie haben nichts zu essen, sind von allen Seiten belagert. Die meisten Menschen dort leben nur noch von Gras."

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Etwa 1000 IS-Kämpfer sollen noch in Baghus ausharren - in Höhlen und Tunneln unter den zerschossenen Gebäuden.

"Die Zivilisten leiden am schlimmsten"

Auch im irakischen Baghus litten sie drei Jahre unter der Terrormiliz. 2017 befreite sie die irakische Armee. Nun bangen sie mit ihren Nachbarn auf der anderen Seite. In die Sorgen mischt sich auch Wut. "Die Zivilisten leiden am schlimmsten", glaubt Saqr Hamza. "Fast alle Häuser sind zerstört. Viele IS-Leute dagegen haben sich abgesetzt und sind davon gekommen."

Medienberichten zufolge flohen in den vergangenen Monaten mehr als 1000 IS-Kämpfer in den Irak. Im Handgepäck angeblich 200 Millionen Dollar. In der westlichen Wüste des Landes verlegen sie sich schon seit längerem wieder auf die Guerillataktik: Mit gezielten Anschlägen Angst und Schrecken verbreiten, Volksgruppen gegeneinander ausspielen, die Regierung destabilisieren.

Stacheldraht gegen Dschihadisten

Auch deshalb hat die irakische Armee die Grenze zu Baghus dicht gemacht. 300 Spezialkräfte sichern einen Streifen am Euphrat von gut einem Kilometer. Ein Damm, Stacheldraht und Kameras sollen die selbst erklärten Gotteskrieger davon abhalten, in den Irak zu fliehen. Wer es dennoch versucht, riskiert sein Leben, wie Oberst Ali Ghalib erläutert: "Als wir vor kurzem eine Gruppe von 25 IS-Kämpfern, die sich der Grenze näherten, beobachtet haben, haben wir US-Kampfjets angefordert. Die haben sie dann allesamt getötet."

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"Kampfmoral am Boden"

Aus Beobachtungstürmen verfolgen die Soldaten die Schlacht um Baghus in zwei Kilometern Entfernung. Immer wieder steigen nach Angriffen schwarz-graue Rauchschwaden auf. Tag und Nacht ist das Dröhnen amerikanischer Kampfjets zu hören, vereinzelt auch Schüsse. Etwa 1000 Dschihadisten sollen noch immer gegenüber, auf syrischer Seite, ausharren. Niemand weiß das so genau. Die meisten angeblich in Höhlen und Tunneln unter den zerschossenen Höfen und Häusern.

"Ihre Kampfmoral liegt am Boden", erzählt Ebrahim Sabri. Der 38 Jahre alte Major kämpfte selbst drei Jahre lang im Irak gegen die Terrormiliz. In Falludscha traf ihn ein Geschoss am Arm. Er ist überzeugt: "Sie haben keine Chance gegen die kurdischen Kämpfer. Sie stehen unter Belagerung. Nach unseren Informationen haben sie kaum noch Lebensmittel und leiden mittlerweile großen Hunger."

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Major Sabri beobachtet die Schlacht in Baghus von seinem Kontrollposten aus.

Nur noch eine Frage der Zeit?

Sabri hat viele Kameraden und Freunde im Kampf gegen die Terrormiliz verloren. "Ich bete, dass sie jetzt im Paradies sind. Sie sind Helden. Ohne ihr Blut hätten wir die Siege nie errungen", sagt er mit belegter Stimme und muss schlucken. Der Major ist überzeugt, dass auch ein Sieg in Baghus nur noch eine Frage weniger Tage ist und hofft, dass dies auch das Ende der Terrormiliz besiegelt.

Zweifel bleiben. Noch immer verfügt die Organisation Sicherheitskreisen zufolge über ein Netzwerk Tausender Kämpfer weltweit. Während ihrer Schreckensherrschaft im Irak und Syrien hätten die Dschihadisten Container von Bargeld und Waffen verbuddelt. "Wir haben unsere Lektion gelernt", sagt Sabri trotzig. "Wir bleiben wachsam."

Im irakischen Baghus hoffen sie darauf, ihre Verwandten und Freunde im syrischen Nachbarort auf der anderen Seite eines Tages wohlbehalten wieder zu sehen. Aber natürlich ahnen sie, dass viele nicht mehr am Leben sind. Die Menschen hier sind müde von Jahren des Kriegs und des Terrors. Sie wollen endlich wieder ihren Alltag leben können - im friedlichen Miteinander.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 06. März 2019 um 22:15 Uhr.

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