Mutter mit Kind im al-Hol-Camp  | Daniel Hechler
Exklusiv

Mutmaßliche IS-Anhänger in Nordsyrien Frauen und Kinder sollen zurück nach Deutschland

Stand: 19.12.2020 15:14 Uhr

Mehr als 100 Frauen und Kinder mit deutschem Pass sitzen in kurdischen Camps in Nordsyrien fest. Laut SWR haben kurdische Behörden nun 15 von ihnen an deutsche Beamte übergeben - zur Rückkehr nach Deutschland.

Von Eric Beres, SWR und Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Sie waren aus Deutschland nach Syrien ausgereist, um sich dem Terrorregime des sogenannten "Islamischen Staats" anzuschließen. Hunderte Frauen mit deutscher Staatsbürgerschaft begleiteten ihre Männer oder heirateten im IS-Gebiet vermeintlich gottesfürchtige Dschihadisten. Oft mit dabei: Kinder. Verschleppt aus Deutschland oder im Kriegsgebiet geboren. Nach der militärischen Niederlage des IS wurden die meisten von ihnen von kurdischen Kräften in Nordsyrien festgenommen. Seit Jahren sitzen sie in Camps fest, etwa in den Lagern Al-Hol oder in Roj.

Waisenkinder und Frauen 

In einer konzertierten Aktion haben Vertreter der kurdischen Selbstverwaltung in der Stadt Kamishli nun eine größere Gruppe von Frauen und Kindern an deutsche Beamtinnen und Beamte übergeben. Nach SWR-Informationen handelt es sich um drei Frauen im Alter zwischen 21 und 38 Jahren und zwölf Kinder, zwei bis zwölf Jahre alt.

Unter den Frauen ist den Informationen zufolge auch Leonora M. aus Sachsen-Anhalt. Deren Fall hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht, weil sie 2015, im Alter von gerade einmal 15 Jahren, nach Syrien ausgereist war. Sie und ihre beiden Kinder (ein und drei Jahre alt) können nun zurück nach Deutschland. Unter den Minderjährigen sollen zudem mehrere Waisenkinder sein.

Ein Sprecher der kurdischen Selbstverwaltung bestätigte dem ARD-Studio Kairo, man habe eine Gruppe deutscher Staatsangehöriger an Repräsentanten aus Deutschland übergeben - daneben auch mehrere Personen mit finnischer Staatsbürgerschaft. Weitere Details wollte er nicht mitteilen. Das Auswärtige Amt wollte sich zu der Übergabe gegenüber dem SWR bisher nicht äußern.“

Nach SWR-Informationen war die Operation bereits vor Monaten vorbereitet worden. Eine entsprechende Namensliste liegt den kurdischen Selbstverwaltungsbehörden seit Längerem vor. Nach einem Medienbericht soll nicht nur die Corona-Pandemie die Übergabe zunächst verzögert haben, sondern auch eine Weigerungsverwaltung der Kurden, um sich ein „politisches Faustpfand“ gegenüber westlichen Regierungen zu bewahren. Dies hatte die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien jedoch bestritten.

Kritik an Bundesregierung

Lange hatte sich die Bundesregierung schwergetan mit der Rückführung deutscher IS-Unterstützer nach Deutschland. Nicht nur aus Sicherheitsgründen. Trotz vielfacher Warnungen von Experten, der Aufenthalt in kurdischen Camps könne Frauen erneut radikalisieren und Kinder traumatisieren, verwies das Auswärtige Amt immer wieder auf die fehlende konsularische Vertretung in Nordsyrien.

Tatsächlich gehört das Kurdengebiet völkerrechtlich zum Assad-Regime, zu dem Deutschland sämtliche diplomatischen Beziehungen abgebrochen hat. Von der türkischen Regierung dürfte zudem kritisch beäugt werden, welche Verhandlungen Deutschland mit der  kurdischen Selbstverwaltung in Nordsyrien führt.

Die nun erfolgte Übergabe dürfte mit humanitären Gesichtspunkten begründet worden sein. Bereits im August vergangenen Jahres konnten Beamte des Auswärtigen Amtes vier Kinder aus Nordsyrien nach Deutschland bringen, drei Waisenkinder und ein schwer krankes Kind. Vor wenigen Wochen durfte eine Mutter mit drei Kindern zurückkehren. Mehrere Gerichte haben die Bundesregierung inzwischen dazu verurteilt, entsprechende Rückführungen zu forcieren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Mai 2020 um 13:44 Uhr.