Demonstranten schwenken Fahnen und halten bei einer regierungsfreundlichen Kundgebung in Teheran Plakate hoch.  | Bildquelle: dpa

Proteste im Iran Verschwörungstheorien aus Teheran

Stand: 30.11.2019 04:00 Uhr

Die iranische Führung hat zum ersten Mal Details zu den Protesten genannt. Es könnten die größten landesweiten Demonstrationen seit 40 Jahren gewesen sein. Für die Regierung ist klar: Dahinter steckt das Ausland.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Der Finger von Ajatollah Ali Chamenei zeigt mal wieder in Richtung USA. Die Proteste seien eine sehr gefährliche Verschwörung gewesen, erklärt er diese Woche. Verantwortlich seien Banditen mit Verbindungen zu den USA, Israel und Saudi-Arabien. Bilder der Nachrichtenagentur Reuters zeigen, wie Teilnehmer auf einer Großkundgebung für die Regierung am Montag in Teheran eine israelische Flagge verbrennen.

Sie rufen "nieder mit Israel", "nieder mit den USA". Eine Frau verdächtigt im Reuters-Interview das Ausland als Drahtzieher der Demonstranten: "Die wollten unser Land schwächen. Ich verlange von diesen Leuten, dass sie verantwortungsbewusster handeln. Und ich will, dass sie begreifen, dass die Feinde uns deshalb das Leben schwer machen, weil der Iran mächtiger im Nahen Osten geworden ist."

Teilnehmer einer Demonstration in Teheran verbrennen Flaggen der USA. | Bildquelle: dpa
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Auch Flaggen der USA wurden bei der von den Behörden organisierten Kundgebung verbrannt.

Revolutionsgarden drohen mit Vergeltung

Hauptredner bei der Großkundgebung ist der Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden, Hussein Salami. Auch für ihn ist klar, die USA haben sich eingemischt, das sei eine Kriegserklärung. Er droht mit Vergeltung. Wie die aussehen soll, sagt er nicht.

Ein Teilnehmer äußert sich vorsichtig kritisch: "Die Menschen beschweren sich, aber sie wollen nicht rebellieren, sie wollen keine Unruhen oder Zerstörung. Das wurde von ausländischen Spionage-Diensten organisiert, die die Leute manipuliert haben."

In einem Park sitzt ein junger Mann auf einer Bank. Er will seinen Namen nicht nennen, nur so viel, er ist 36 Jahre alt und Architekt. Er will nicht so recht an die Verschwörungstheorie glauben. Während er eine Zigarette raucht, erzählt er einem ARD-Hörfunk-Mitarbeiter: "Mir tut das wirklich leid, dass junge Leute, die gegen Arbeitslosigkeit und für ihren Lebensunterhalt und einfach ihr Leben demonstrieren, unterdrückt werden."

Amnesty geht von 140 Toten aus

7000 Verdächtige hat die Polizei festgenommen, so ein Mitglied des Sicherheitsrates. Den jungen Mann wundert das nicht: "Das ist Alltag für die Leute geworden. Studentenproteste 1999, dann das Chaos um die Wahl 2009. Die Abschnitte ohne Proteste werden kürzer. Viele meiner Freunde wurden 2009 verhaftet und kamen ins Gefängnis. Letztendlich ist das nichts Neues."

Auch Todesopfer bei den Protesten scheinen dazuzugehören. Wie viele Menschen diesmal ums Leben kamen, dazu hört man aus Teheran nichts. Amnesty International geht von mehr als 140 Menschen aus.

Der Teheraner auf der Parkbank trinkt zu seiner Zigarette ein Glas Tee und verrät, dass er versucht nach Schweden auszuwandern. Aber sein Antrag auf ein Visum wurde abgelehnt. Er verfolgt auch Proteste in anderen Ländern: "Viele davon sind friedlich geblieben. Die Leute blockieren den Verkehr. Und sogar, wenn sie gewalttätig werden, wie die Gelbwesten in Frankreich, die Banken angezündet haben, haben die Sicherheitskräfte keinen von ihnen umgebracht und auch nicht verhaftet."

Das iranische Innenministerium gibt diese Woche bekannt, dass Randalierer an hunderten Banken, Regierungsgebäuden, Tankstellen und Fahrzeugen Feuer gelegt hätten. Außerdem sollen sie rund 50 Stützpunkte von Sicherheitskräften angegriffen haben.

Größte Proteste seit 40 Jahren

Der Teheraner Politikwissenschaftler Zadegh Zibakalam kritisiert im Interview mit einem ARD-Mitarbeiter die Reaktion der Regierung: "Wir haben nur gesehen, dass sie Leute verhaftet und vor Gericht gestellt haben. Sie wollen die Probleme schnell in den Griff kriegen und die Täter bestrafen, sagen sie. Das ist alles."

Die Regierung hatte die Benzinpreiserhöhung damit begründet, dass sie mit dem Geld den Armen im Land helfen will. "Ich kann mir gut vorstellen, dass die Menschen mit Blick auf die Politik und die Wirtschaft noch unzufriedener werden. Ich glaube nicht, dass es was ändert, wenn man 20 oder 30 Millionen Leuten jeweils sechs oder sieben Euro zahlt", so Zibakalam.

200.000 Menschen haben sich nach Regierungsangaben an den landesweiten Protesten beteiligt. Damit wären es möglicherweise die größten seit 40 Jahren, seit die Islamische Republik ausgerufen wurde. Die Gewalt habe zugenommen auf beiden Seiten, finde der Teheraner Politikwissenschaftler. "Und wenn nichts unternommen wird, dann ist nicht klar, was passiert. Die nächsten Proteste könnten noch gewalttätiger werden."

Nach den Protesten im Iran kommen die Verschwörungstheorien
Karin Senz, ARD Istanbul
29.11.2019 23:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. November 2019 um 06:45 Uhr.

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