Mariam Claren protestiert für die Freilassung ihrer Mutter Nahid Taghavi. | Bildquelle: <Mariam Claren>

Nahid Taghavi Deutsch-Iranerin als Faustpfand Teherans

Stand: 16.12.2020 05:40 Uhr

Die Deutsch-Iranerin Nahid Taghavi sitzt in Teheran im Gefängnis - ohne dass je Vorwürfe gegen sie bekannt wurden. Die Bundesregierung macht Druck, scheitert jedoch bisher mit ihren Bemühungen.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

Wenn Mariam Claren über ihre Mutter spricht, dann hört man in jedem Satz Verzweiflung, aber auch Wut mitschwingen. "Wie geht es ihr wohl gerade?" - diese Frage stellt sich die 40-jährige Kölnerin seit nunmehr acht Wochen jeden einzelnen Tag. "Ich habe das Gefühl, ich lebte bis dahin in einer Blase. Ich hatte vorher nie etwas zu tun gehabt mit Menschenrechtsverletzungen oder politischen Gefangenen. Aber diese Blase ist an jenem Tag geplatzt." Dem Tag, an dem ihre Mutter Nahid Taghavi in Teheran festgenommen wird. 

Tagelang wird es damals still um die 66-jährige Rentnerin, die zwischen Deutschland und dem Iran hin und her pendelt. Die Anrufe von Mariam Claren, die sich in Deutschland ernsthafte Sorgen um die Mutter im Iran macht, bleiben unbeantwortet. Claren bittet einen Onkel, bei seiner Schwester vorbeizusehen. Er findet eine leere Wohnung vor, die augenscheinlich durchsucht wurde. Von Nachbarn erfährt die Familie: Die Deutsch-Iranerin wurde von Sicherheitskräften mitgenommen.

Nahid Taghavi | Bildquelle: <Mariam Claren>
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Die Deutsch-Iranerin Nahid Taghavi auf einem Foto, das ihre Tochter Mariam Claren zur Verfügung gestellt hat.

 

Zwölf Tage ohne Lebenszeichen von der Mutter

"Zwölf Tage hatten wir damals überhaupt gar kein Lebenszeichen. Das war eine komplette Katastrophe", erzählt Claren. "Das macht viel mit einem als Tochter. Denn das Kopfkino ist angeschaltet. Man denkt: Jetzt ist es vorbei. Sie ist tot." Ende Oktober dann klingelt bei Clarens Onkel im Iran das Telefon: Am Apparat ist ein Beamter des Teheraner Evin-Gefängnisses. Nahid Taghavi sei hier, er könne kurz mit ihr sprechen, wird ihm mitgeteilt. Das Gespräch dauert keine Minute. Die Rentnerin sagt, sie wisse nicht, weshalb sie festgenommen worden sei. 

Vorwürfe gebe es auch heute, zwei Monate später, immer noch nicht, sagt Claren: "Eigentlich muss es laut iranischen Gesetzen innerhalb von acht Wochen irgendetwas schriftlich geben, aber unser Anwalt hat immer noch keinerlei Infos von den iranischen Behörden erhalten." Selbst mit der Mutter sprechen konnte sie bisher nicht. Anrufe ins Ausland seien nicht gestattet, habe man dem Onkel in Teheran gesagt.

Regierung benutzt Doppelstaatler als Faustpfand

Weshalb wurde Nahid Taghavi festgenommen? Darüber lässt sich nur spekulieren. Die Architektin mit zwei Pässen reiste seit Jahren zwischen Deutschland und dem Iran hin und her - ohne Probleme, berichtet ihre Tochter. Die Mutter habe sich in der Öffentlichkeit nie politisch geäußert. Das brauche es auch nicht, sagt der Iran-Experte Borzou Daragahi vom US-amerikanischen Think-Tank Atlantic Council: Doppelstaatler würden von der iranischen Justiz, die von den Hardlinern kontrolliert wird, immer wieder als Faustpfand benutzt, für politische Verhandlungen oder Gefangenenaustausch. 

Vorwürfe seien dabei in zahlreichen Fällen im Nachhinein konstruiert worden, erklärt Daragahi: "Sie stecken die Person in Einzelhaft, wecken einen mitten in der Nacht auf, befragen einen 14 Stunden lang. Dann lassen sie dich vielleicht wieder eine Stunde schlafen, ehe sie dich erneut befragen. Manchmal lassen sie auch 24 Stunden am Stück das Licht in der Zelle brennen. Und irgendwann bist du so weit, dass du das unterzeichnest, was sie dir vorlegen."

Hinzu kommt derzeit ein interner Machtkampf im Iran - zwischen Hardlinern, die den Justizapparat kontrollieren, und der moderat-konservativen Rohani-Regierung. Deren Annäherungen an den Westen sollen sabotiert werden, darin sind sich viele Beobachter einig. Hintergrund sind die anstehenden Präsidentschaftswahlen im Sommer 2021. "Der jetzigen Regierung soll vor den Wahlen kein Erfolg, etwa eine Neubelebung des Atomabkommens, gelingen. Das macht die Hardliner nervös und sie versuchen, Annäherungen mit dem Westen im Keim zu ersticken", erklärt Daragahi. 

Mariam Claren auf Mahnwache | Bildquelle: <Mariam Claren>
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Mariam Claren macht bei einer Mahnwache auf die Situation ihrer Mutter aufmerksam. "Es tat gut, meine Wut einmal hinauszuschreien", sagt sie.

Auch nach Wochen noch kein konsularischer Zugang

Das Auswärtige Amt gab Mitte November erstmals eine Reisewarnung für Doppelstaatler heraus. "Eine Konsequenz aus vermehrt aufkommenden Fällen in der jüngsten Vergangenheit, die betrifft nicht nur deutsche Staatsangehörige", schreibt das Auswärtige Amt auf Nachfrage der ARD. Betroffen sind unter anderem schwedische, französische und britische Doppelstaatler. Die Inhaftierung der Deutsch-Iranerin dürfte bei dieser Entscheidung eine wichtige Rolle gespielt haben. Bereits mehrmals wurde der Fall Taghavi schon gegenüber der iranischen Seite thematisiert, das bestätigt das Auswärtige Amt. 

Möglichkeit dazu dürfte sich dem deutschen Botschafter in Teheran erst vor wenigen Tagen geboten haben. Das iranische Außenministerium bestellte ihn ein, nachdem die Bundesregierung die Hinrichtung des iranischen Bloggers Ruhollah Sam am vergangenen Wochenende scharf verurteilt hatte. Im gleichen Statement forderte Berlin auch die Freilassung aller politischen Häftlinge im Iran. Mariam Claren habe sich über diese klaren Worte gefreut, erzählt sie. "Ich wünsche mir aber, die Bundesregierung würde meine Mutter konkret benennen und ihr damit endlich auch ein Gesicht geben."

Konsularischen Zugang zu Nahid Taghavi hat die Deutsche Botschaft in Teheran auch nach acht Wochen noch nicht, man bemühe sich jedoch weiter darum, heißt es aus Berlin. Immerhin soll sie nun Medikamente gegen Bluthochdruck erhalten haben. Mitarbeiter der Botschaft hatten sie auf Bitten von Claren im Gefängnis abgegeben. An der Angst und den Sorgen um die Mutter ändert das nur wenig, erzählt die Kölnerin. Letzte Woche nahm sie an einer Mahnwache in Frankfurt teil, anlässlich des Tages der Menschenrechte. Vor dem iranischen Konsulat hielt Claren eine Rede und forderte die sofortige Freilassung ihrer Mutter. "Auch wenn es vielleicht nichts hilft, es tat gut, meine Wut einmal hinauszuschreien."

Über dieses Thema berichtete das Mittagsmagazin am 18.11.2020 um 13.00 Uhr.

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