Besetzte US-Botschaft in Teheran | Bildquelle: AP

40 Jahre Botschaftsbesetzung Wie Washington und Teheran zu Feinden wurden

Stand: 04.11.2019 04:00 Uhr

Vor 40 Jahren besetzten revolutionstreue Studenten die US-Botschaft im Iran und nahmen 52 Amerikaner für 444 Tage als Geiseln. Die Folgen der Aktion sind bis heute spürbar.

Von Ulrich Pick, SWR

Die Stimmung in Teheran am Morgen des 4. November 1979 war gereizt. Keine drei Tage war es her, dass Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini von seinen Anhängern - wie er es nannte - eine "Aktion" gefordert hatte. Eine Aktion, die der gesamten Welt einmal mehr demonstrieren sollte, dass der Iran nach der erfolgreichen Revolution endgültig eine Islamische Republik geworden war und der Schah von Persien ein für allemal abgesetzt. Jener Schah, der in den Augen des greisen Theologen lediglich ein unfähiger Vasall Washingtons gewesen war und ein Jahr zuvor noch Hunderte von Demonstranten hatte auf offener Straße niederschießen lassen.

"Tod Amerika!" skandierten Hunderte revolutionstreue Studenten vor der US-Botschaft, von denen dann am späten Vormittag einige Dutzend über den Zaun kletterten und gewaltsam in das Gebäude eindrangen. Sie brachten 66 US-Bürger in ihre Gewalt, von denen sie 52 zum Schrecken der gesamten westlichen Welt als Geiseln hielten.

40. Jahrestag der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran
tagesschau 12:00 Uhr, 04.11.2019, Jörg Hertle, ARD Istanbul

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Internationales Fanal

Denn die diplomatische Vertretung Washingtons im Iran - so erklärte der Khomeini-Vertraute und spätere Staatssekretär Sadegh Tabatabai - war in ihren Augen ein Hort der Spionage: "Wenn es sich bei der amerikanischen Botschaft in Teheran wirklich um ein Diplomatiezentrum handelte und die Tätigkeiten als reine Informationssammlung oder nachrichtendienstlich lägen, dann hätte man anders sprechen können. Aber: Da es nachgewiesen worden ist, dass diese Leute in der amerikanischen Botschaft schon nach der Revolution an vielen Unruhen im Lande beteiligt waren, und dies sogar geplant hatten, so kommt man mit Recht auf die Schlussforderung, dass es sich dort nicht um ein regelrechtes Diplomatiezentrum handelte, sondern um ein Spionagezentrum."

Die Besetzung der US-Botschaft in Teheran war ein internationales Fanal. Denn dass eine diplomatische Vertretung gestürmt wurde und die dort tätigen Menschen den Aggressionen des gastgebenden Landes ausgesetzt waren, hatte es selbst zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs nicht gegeben.

Die Machthaber in Iran wollten offensichtlich der Weltöffentlichkeit unmissverständlich demonstrieren, dass sich in ihrem Land mit dem Sieg der islamischen Revolution am 11. Februar 1979 mehr ereignet hatte als ein normaler Machtwechsel. In ihren Augen hatte ein neues Zeitalter begonnen. Denn erstmals in der Geschichte war eine Islamische Republik unter der Führung der schiitischen Geistlichkeit errichtet worden, für die sich zudem bei einer Volksbefragung am 1. April weit mehr als 90 Prozent der Bevölkerung ausgesprochen hatten.

Geiseln in der US-Botschaft in Teheran | Bildquelle: AFP
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Amerikanische Geiseln in der US-Botschaft in Teheran.

Gescheiterte Befreiungsaktion

Deshalb ließ Khomeini die Botschaftsbesetzer gewähren: Weder befürwortete er die Aktion, noch verurteilte er sie. Denn er wusste, dass mit jedem Tag, den die Geiselnahme dauerte, seine Autorität wuchs und damit zugleich auch der Druck auf Washington.

Da Verhandlungen erfolglos blieben, sah US-Präsident Jimmy Carter nur einen Ausweg. Und so startete er am 24. April 1980 eine militärische Befreiungsaktion - mit verheerenden Folgen, wie er einräumen musste: "Nachdem sich das Team nach meiner Anordnung zurückgezogen hatte, sind zwei Hubschrauber am Boden zusammengestoßen, nachdem sie in einer Tankstation in der iranischen Wüste aufgetankt hatten. Es gab keine Kampfhandlungen, aber zu meiner Bestürzung kamen acht Besatzungsmitglieder ums Leben. Aber wir werden nicht aufgeben."

Die missglückte Rettungsaktion ließ Carters Popularität sinken und an seiner statt wurde im November 1980 Ronald Reagan ins Weiße Haus gewählt. Doch am Tag, an dem dieser in sein Amt eingeführt wurde, trat auch Carter noch einmal ins Rampenlicht. Denn am 20. Januar 1981 konnte der abgewählte US-Präsident seine freigelassenen Landsleute in Frankfurt am Main in Empfang nehmen - nach genau 444 Tagen Geiselhaft.

Natalie Amiri, ARD Teheran, zur Erinnerung im Iran
tagesschau 12:00 Uhr, 04.11.2019

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Spontane Initiative

"Ich möchte es ganz deutlich sagen, dass die iranische Regierung - alle die dafür verantwortlich sind - auf alle Zeiten verdammt sein mögen für diese Behandlung, die sie unseren Mitbürgern haben angedeihen lassen", so der Ex-Präsident.

Die Botschaftsbesetzung vom 4. November 1979 machte Washington und Teheran, die über Jahrzehnte eng zusammen gearbeitet hatten, zu erbitterten Feinden. Dabei gab es für die Aktion gar keinen ausgearbeiteten Plan.

Vielmehr war sie - so erklärte Abbas Abdi, einer ihrer Wortführer, 30 Jahre später dem SWR - die Folge einer spontanen Initiative: "Es gab keine Planung für eine längere Aktion. Es war gar nicht beabsichtigt. Wir dachten an eine kurze Protestaktion. In dem Fall hätte man es nach einer Weile alles vergessen. Ein Grund, dass es doch solange gedauert hat, war die große Unterstützung für die Aktion. Das bedeutet, dass grundsätzlich und potenziell ähnliche Aktionen möglich waren. Deshalb auch kann ich nicht sagen, was wäre passiert, wenn wir es nicht getan hätten. In einer anderen Form hätte es sich sicher ereignet. Aber die Studenten wollten auf jeden Fall nicht länger als fünf Tage dort bleiben und dachten die Botschaft nach fünf Tagen zu verlassen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. November 2019 um 18:40 Uhr.

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