Studenten protestieren vor der Teheraner Universität  | Bildquelle: AP

Analyse zu den Protestursachen Ein Land in Wut

Stand: 30.12.2017 20:23 Uhr

Seit 2009 hat es solche Proteste im Iran nicht mehr gegeben. Damals wurde die "grüne Bewegung" niedergeschlagen. Heute ist vieles anders: Es gibt keinen Anführer und doch protestieren Tausende - organisiert über Telegram.

Von Natalie Amiri, ARD-Büro Teheran

Es ist anders dieses Mal. Die Proteste begannen nicht - wie üblich - in der Hauptstadt Teheran, sondern in den Provinzen. Mashad, Neyshapour, Ghom, Qazvin und Sari sind nur einige Städte, in denen Iranerinnen und Iraner seit Donnerstag auf den Straßen ihre Wut kundtun.

Natalie Amiri @NatalieAmiri
Demonstranten gerade in #Teheran. Sie rufen: Gleichheit, Freiheit, IRANISCHE Republik. Der Slogan der Revolution ihrer Eltern 1979 lautete: ISLAMISCHE Republik. #iranprotests https://t.co/u0rzbcdK4s

Viel Geld für Außenpolitik - das ärgert die Menschen

Zu Beginn waren die Slogans der Demonstranten noch wirtschaftlich motiviert. Schnell gingen sie über in politische Sprechchöre: "Nieder mit dem Diktator", "Was soll eure Einmischung in Syrien?", "nicht Hisbollah und Hamas - wir sind wichtig".

Die Demonstranten sprechen damit die horrenden Summen an, die in die außenpolitische Sicherheitsstrategie des Iran investiert werden. Sie kritisieren, dass dieses Geld nicht in neue Arbeitsplätze, in eine Preisregulierung von Lebensmitteln und notwendige Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Gesundheit gesteckt wird. Denn das wurde den Iranern nach dem Atomabkommen von 2015 versprochen. Die Wirtschaft sollte aufblühen und der Handel mit dem Westen florieren. Doch nichts von alldem ist passiert. Die Menschen hatten Präsident Hassan Rouhani vertraut und sind nun sauer.

Studenten protestieren vor der Teheraner Universität | Bildquelle: AFP
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Studenten protestieren vor der Teheraner Universität

Proteste organisiert über Telegram

Die Hardliner im Land kritisieren, dass er zu gemäßigt sei. Seine Politik halten Experten zumindest für die Initialzündung. Hinter den Demonstranten steht kein Wortführer. Was sie antreibt ist Wut über soziale Ungerechtigkeit, Korruption und Vetternwirtschaft.

Während bei den letzten großen Protesten 2009 nur über Twitter Informationen zirkulierten und Austausch erfolgte, haben inzwischen über 24 Millionen Iraner Zugang zum Kommunikationsdienst Telegram. Die Justiz hat immer wieder versucht, diese App wie Facebook und Twitter zu verbieten, doch ist sie damit zuletzt nicht durchgekommen - aufgrund der Intervention von Präsident Rouhani. Denn diese App wird auch von ihm genutzt. Telegram ist für ihn überlebenswichtig, denn die staatlichen Medien stehen nicht auf seiner Seite.

Dutzende Festnahmen in Teheran

Es ist kompliziert. Es gibt und gab im Iran seit der Islamischen Revolution 1979 noch nie "das Regime", welches gemeinsam an einem Strang zog. Schon immer gab es hinter verschlossenen Türen Machtkämpfe, die allmählich und immer vehementer vor der Tür ausgetragen werden. So wie im Moment zwischen dem gemäßigteren Rouhani und den konservativen Hardlinern.

Es sind die größten Proteste seit 2009, seit der "grünen Bewegung", bei der Hunderttausende gegen die Wiederwahl von Mahmud Ahmadinedschad auf die Straße gingen. Die Demonstranten hatten damals keine Chance gegen die Sicherheitskräfte. Heute ist es ein ähnliches Bild: Überall in Teheran laufen schwerbewaffnete Milizen herum. Mehrere Dutzend Demonstranten wurden inzwischen im Land verhaftet.

Eine Demonstrantin sagte heute: "Man weiß nicht, was es ist - und was es wird."

Regierungskritische Proteste im Iran weiten sich aus
Michael Lehmann, ARD Istanbul
30.12.2017 19:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Dezember 2017 um 18:11 Uhr.

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