Fachrisadeh Beerdigung | dpa

Attentat auf Atomwissenschaftler Iranische Hardliner sinnen auf Rache

Stand: 30.11.2020 05:30 Uhr

Nach dem Attentat auf den Atomwissenschaftler Fachrisadeh fordern konservative Politiker Vergeltung. Die Regierung von Präsident Rouhani steckt in einem Dilemma.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Es sind die bekannten Bilder: Wütende Demonstranten mit Transparenten, auf denen steht: "Nieder mit Israel", "Krieg den USA", dazu die passenden Sprechchöre. Schließlich verbrennen sie israelische und US-Flaggen. Aber es ist bei weitem keine Massendemonstration, wie es das Land nach dem Tod des iranischen Generals Kassim Soleimani Anfang des Jahres erlebt.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Kein Vergleich zu Soleimani

Der Teheraner Experte für internationale Beziehungen, Ali Bigdeli, erklärt den Unterschied zum Atomwissenschaftler Fachrisadeh: "Niemand kannte ihn, er war nicht berühmt. Aber jeder kannte Soleimani, und er war beliebt", so Bigdeli. "Es gab diese Zeremonie für den Märtyrer Soleimani, dazu die Reaktionen hochrangiger Persönlichkeiten, vor allem des Obersten Führers. Er weinte um Soleimani, und die Gesellschaft ließ sich anstecken."

Anti-US-Demonstration in Iran | dpa

Anti-amerikanische Proteste in Iran. Bild: dpa

Beobachter erwarten auch deshalb keine so harsche Reaktion wie damals im Januar, als der Iran US-Stellungen im Irak angriff. Auf den Demonstrationen am vergangenen Wochenende klingt das anders: "Wir fordern bittere Rache gegen Amerika und Israel", so ein Demonstrant. "Wir müssen den Atomwaffensperrvertrag verlassen und alle Inspektoren der Agentur rauswerfen." Gemeint ist die Internationale Atomenergiebehörde, die kontrolliert, ob sich der Iran an das Atomabkommen hält.

Auch der konservative Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf fordert im iranischen Staatsradio Rache für den Tod Fachrisadehs: "Der kriminelle Feind wird die Tat nur durch eine starke Reaktion bereuen, die ihn von künftigen Fehlern abhält und die sich gleichzeitig an ihm für seine Verbrechen rächt."

Druck auf Biden

Einige Nahostexperten sehen in dem Attentat am vergangenen Freitag tatsächlich einen Angriff auf die Iran-Politik des neuen US-Präsidenten Joe Biden. Man wolle Teheran zu einer Vergeltung provozieren. Dann könne Israel Biden in einen Konflikt hineinzwingen.

Der Zeitpunkt sei also präzise gewählt, noch vor dem Ende der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump, sagt auch Bigdeli: "In den 40, 50 Tagen, die Trump noch bleiben, lässt Israel noch mal seine Wut auf den Iran raus. Denn wenn Biden sein Amt antritt, werden die Vereinigten Staaten Israel das möglicherweise nicht mehr erlauben. Obwohl Israel sich manchmal unabhängig bei seinen Gräueltaten fühlt, kann es sie nicht ohne die Erlaubnis der USA begehen."

Israel will verhindern, dass Biden mit dem Iran wieder über ein Atomabkommen verhandelt, wie auch die Hardliner im Land. Parlamentspräsident Ghalibaf sagt: "Wenn wir die Hand für Verhandlungen heben, sendet das die falsche Botschaft an den Feind. Er würde es missverstehen und glauben, dass der Iran schwach ist. Das wiederum würde zu mehr wirtschaftlichem Druck und weniger Sicherheit führen."

Angriff auf Haifa?

Der Teheraner Experte für internationale Beziehungen Bigdeli sieht das genau andersherum. Der Iran muss verhandeln, weil er in einer schwachen Position ist, schon allein aufgrund der Wirtschaftskrise. Und er warnt auch vor einem direkten Militärschlag: "Es wäre nicht klug, das Schicksal von 85 Millionen Menschen für eine Person zu riskieren. Wir verurteilen diesen Terrorakt, aber Rache ist nicht der richtige Weg."

Eine islamistische Zeitung fordert, die israelische Hafenstadt Haifa anzugreifen, sobald Israels Schuld bewiesen ist. Bei seiner Vergeltung könnte der Iran wieder auf Verbündete zurückgreifen. Bigdeli hält das für unwahrscheinlich: "Keine der Gruppen in der Region, die stellvertretend agieren könnten, wagt es, militärische Maßnahmen gegen Israel zu ergreifen. Die Gruppen im Irak zum Beispiel haben weder die Fähigkeit noch den Mut dazu. Selbst die stärkste Miliz der Region, die Hisbollah, wird das nicht tun, es sei denn, der Iran setzt sie unter Druck."

Auf den ersten Blick scheint es, als wäre die Führung in Teheran in der Zwickmühle. Reagiert sie, zerschlägt sie die Chancen darauf, dass die USA wieder in das Atomabkommen einsteigen und Sanktionen aufgehoben werden, und sie riskiert nicht zuletzt einen Krieg. Reagiert Teheran aber nicht, wird das als Schwäche ausgelegt. Der Iran ist allerdings bekannt dafür, wohlüberlegt und indirekt auf solche Situationen zu antworten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. November 2020 um 20:00 Uhr.