Trauernde im Iran nach dem Flugzeugabschuss | ABEDIN TAHERKENAREH/EPA-EFE/REX

Nach Abschuss von Flugzeug Der Ruf nach Konsequenzen wird lauter

Stand: 11.01.2020 23:00 Uhr

Nach dem versehentlichen Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs werden international Forderungen nach Aufklärung und Entschädigungen gegen den Iran gestellt. Auch im Land selbst gibt es Proteste.

Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, hat nach einem Telefongespräch mit seinem iranischen Amtskollegen Hassan Rouhani erklärt, dass dieser sich offiziell für den Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine entschuldigt habe. Der Iran habe die volle Verantwortung übernommen. Rouhani habe versprochen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj | dpa

Der ukrainische Präsident Selenskyj erhielt vom Iran eine Entschuldigung und Zugeständnisse. Bild: dpa

Der Iran werde in allen rechtlichen und technischen Fragen voll kooperieren, teilte das Büro Selenskyjs mit. Die Opfer würden nach nach deren Identifizierung in der kommenden Woche in die Ukraine übergeführt. Die Ukraine selbst wolle den Hinterbliebenen jeweils 200.000 Griwna (7530 Euro) zahlen.

Rouhani sprach auch mit Trudeau

Kanadas Premierminister Justin Trudeau hatte zuvor eine umfassende Aufklärung des Flugzeugabschusses sowie die volle Zusammenarbeit der iranischen Behörden gefordert. "Dies ist eine nationale Tragödie und alle Kanadier trauern gemeinsam", erklärte er. 57 seiner Landsleute waren bei dem Abschuss der Maschine ums Leben gekommen. Laut der iranischen Nachrichtenagentur IRNA versprach Rouhani Trudeau in einem Gespräch weitere Untersuchungen. Er würde dabei auch eine internationale Zusammenarbeit begrüßen, um die Hintergründe aufzuklären. Iran und Kanada hatten 2012 ihre diplomatischen Beziehungen abgebrochen.

Trudeau erklärte, es sei ein wichtiger erster Schritt, dass der Iran die Verantwortung für die Tragödie übernommen habe. Auch er verlangte Entschädigungen für die betroffenen Familien. Sein Land habe noch viele Fragen an den Iran, sagte der kanadische Regierungschef. Es bedürfe klarer Antworten, um zu entscheiden, ob der Abschuss des Flugzeugs wirklich ein Versehen war.

Merkel und Maas verlangen Aufklärung

Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete das Bekenntnis des Iran zum versehentlichen Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs als "wichtigen Schritt". Allerdings sei weiterhin eine "schonungslose Aufklärung" des Vorfalls nötig, sagte Merkel nach Gesprächen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Moskau. Das Unglück mit 176 Toten aus mehreren Ländern bezeichnete sie als "dramatisches Ereignis".

Es sei "gut", dass die Verantwortlichen nun bekannt sind, sagte Merkel. "Ich glaube, dass jetzt auch alles unternommen werden muss, um mit den betroffenen Nationen, aus denen die Bürgerinnen und Bürger kamen, Lösungen zu finden", fügte die Kanzlerin hinzu. Zudem sei es wichtig, dass "darüber gesprochen wird, was die Folgen daraus sind".

Außenminister Heiko Maas begrüßte, dass der Iran den Abschuss der Passagiermaschine eingeräumt hat. "Es war wichtig, dass der Iran diese Klarheit geschaffen hat", sagt er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Nun sollte Teheran in der weiteren Aufarbeitung dieser schrecklichen Katastrophe die richtigen Konsequenzen ziehen und Vorkehrungen treffen, damit so etwas nicht wieder passieren kann."

EU verlangt Konsequenzen

Die Europäische Union forderte den Iran ebenfalls zu Konsequenzen auf. "Es müssen angemessene Maßnahmen getroffen werden um sicherzustellen, dass solch ein schrecklicher Unfall nie wieder geschehen kann", erklärte EU-Kommissionssprecher Peter Stano.

Die europäische Flugsicherungsbehörde EASA empfahl allen Fluglinien, den iranischen Luftraum zu meiden. Zuvor war lediglich vor Flügen unterhalb von 25.000 Fuß (7620 Meter) gewarnt worden.

Iraner protestieren gegen eigene Regierung

Die halboffizielle iranische Nachrichtenagentur Fars berichtete, dass eine Gruppe iranischer Demonstranten den Rücktritt des iranischen Obersten Führers, Ayatollah Ali Khamenei forderte. Dem Bericht zufolge rissen die Demonstranten auch Bilder des von der USA getöteten General Kassem Soleimani ab. Üblicherweise berichtet Fars nicht über regierungskritische Proteste.

Kundgebungen im Iran nach dem Flugzeugabschuss | ABEDIN TAHERKENAREH/EPA-EFE/REX

In Teheran gab es nach dem Abschuss regierungskritische Proteste. Bild: ABEDIN TAHERKENAREH/EPA-EFE/REX

Auf Twitter sind Videos zu sehen, auf denen Hunderte Menschen vor der Amir Kabir-Universität in Teheran "Oberbefehlshaber (Khamenei) tritt zurück, tritt zurück" skandierten.

Laut Medienberichten wurde der britische Botschafter für einige Stunden festgenommen, als er eine der Protestkundgebungen besuchte. Laut der Nachrichtenagentur war ihm vorgeworfen worden, er habe die Demonstranten zu "radikalen Aktionen" aufgestachelt. Der britische Außenminister bezeichnete die Festnahme in einer Stellungnahme als "eklatante Verletzung internationalen Rechts".

Iran gab Abschuss zu

Der Iran hatte zuvor nach tagelangem Leugnen den versehentlichen Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeugs mit 176 Menschen an Bord eingeräumt. Nach Angaben aus Teheran wurde die Maschine irrtümlich für ein feindliches Objekt gehalten. Bei den Opfern handelte es sich vor allem um iranischstämmige Kanadier, Afghanen, Briten, Schweden und Ukrainer.

Der Iran hatte zuvor eingeräumt, für den Absturz verantwortlich zu sein. Das Militär habe die Maschine "unbeabsichtigt" abgeschossen, es handele sich um einen "menschlichen Fehler", hieß es in einer Presseerklärung im Staatsfernsehen. Die iranischen Streitkräfte bedauerten den Vorfall. Zuvor hatte der Iran einen Abschuss der Maschine vehement bestritten und erklärt, eine technische Ursache habe zu der Katastrophe geführt.

Die vom Büro des obersten iranischen Führers veröffentlichte Aufnahme zeigt den obersten Führer des Iran, Ajatollah Ali Chamenei. | dpa

Khamenei drückte den Familien der Opfer sein "tiefes Beileid" aus. Bild: dpa

Die Maschine war am Mittwoch auf dem Flug von Teheran nach Kiew in der Ukraine kurz nach dem Start abgestürzt. Niemand überlebte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Januar 2020 um 17:55 Uhr.