Wrackteile des im Iran abgestürzten Flugzeugs | AP

Nach Abschuss des Flugzeugs Iran bestreitet Vertuschung

Stand: 13.01.2020 13:17 Uhr

Die iranische Führung ist nach dem irrtümlichen Abschuss des Passagierflugzeugs im Rechtfertigungsmodus. Die Wut im Land kann sie offenbar nicht besänftigen. Es gibt Berichte über neue Proteste - und über Polizeigewalt.

Die Führung in Teheran hat Vorwürfe zurückgewiesen, die Fakten zum Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeugs vor knapp einer Woche vertuscht zu haben. "In diesen betrüblichen Tagen wurde viel Kritik an Verantwortlichen und Autoritäten unseres Landes laut", sagte Regierungssprecher Ali Rabiei im Staatsfernsehen. "Einige Verantwortliche wurden sogar der Lüge und Vertuschung bezichtigt - dies war jedoch, in aller Ehrlichkeit, nicht der Fall."

Das Flugzeug der Ukraine International Airlines war am Mittwoch kurz nach dem Start in Teheran abgestürzt. Alle 176 Menschen an Bord starben. Am Samstag räumte der Iran nach tagelangen Dementis ein, die Maschine irrtümlich abgeschossen zu haben.

"In höchster Alarmbereitschaft"

Die erste Presseerklärung, in der von einem technischen Fehler die Rede war, sei direkt nach der Bestätigung des Absturzes veröffentlicht worden, sagte Rabiei. Selbst Präsident Hassan Rouhani habe erst zwei Tage nach dem Vorfall vom Sicherheitsrat die entsprechenden Fakten zum Abschuss mitgeteilt bekommen.

Der Sprecher bedauerte den Tod der Passagiere sowie verloren gegangenes Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Staat und Regierung. Er verwies auch auf militärische Spannungen an dem Tag. Nach der Tötung des iranischen Generals Kassem Soleimani hatte US-Präsident Donald Trump für den Fall einer iranischen Vergeltung gedroht, 52 Ziele im Iran anzugreifen. "Daher waren alle Streitkräfte in höchster Alarmbereitschaft", sagte Rabiei. "Dies war die Ursache für den tragischen Fehler und das Unglück."

Gedenken und Rücktrittsforderungen

Seit dem Abschuss wurden international sowie im Iran selbst Vorwürfe laut, die Führung in Teheran habe versucht, den Vorfall zu vertuschen. In mehreren Städten des Landes gingen am Wochenende Menschen auf die Straße, um der 176 Opfer des Flugzeugabschusses zu gedenken und den Rücktritt der Verantwortlichen zu fordern. In der Hauptstadt Teheran demonstrierten am Sonntag laut der Nachrichtenagentur ILNA bis zu 3000 Menschen. Dabei wurde auch "Tod dem Diktator" skandiert - in Anspielung auf den mächtigsten Mann des Landes, das geistliche Oberhaupt Ajatollah Ali Khamenei.

Berichte über scharfe Munition und Tränengas

Auch heute kam es im Land offenbar wieder zu Protesten. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet über Videos, die Demonstranten bei einer Universität in Teheran zeigen. "Sie haben unsere Eliten getötet und sie mit Klerikern ersetzt", hätten sie gerufen. Die Echtheit der Videos ist nicht bestätigt.

Laut der Nachrichtenagentur AP feuerten Einsatzkräfte mit scharfer Munition und Tränengas auf Demonstranten - das sei auf von ihr verifizierten Videos zu sehen. Demnach wurde ein Tränengaskanister in eine Menge von Protestierenden in Teheran geschleudert. Menschen hätten gehustet und versucht, vor dem Rauch zu fliehen. Ein weiteres Video zeige eine Frau, die nach dem Geschehen weggetragen werde, und eine Blutspur auf dem Boden. Menschen riefen, sie sei von scharfer Munition am Bein getroffen worden, so die AP.

Der Teheraner Polizeichef Hossein Rahimi stritt später über die halbstaatliche Nachrichtenagentur Fars ab, dass Polizisten das Feuer auf Demonstranten eröffnet hätten. In einigen Gegenden sei aber Tränengas eingesetzt worden. "Die Polizei behandelte die versammelten Menschen mit Geduld und Toleranz", zitierten ihn iranische Medien.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Januar 2020 um 09:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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dr.bashir 13.01.2020 • 13:28 Uhr

Schwache Entschuldigung

Nach der Tötung des iranischen Generals Kassem Soleimani hatte US-Präsident Donald Trump für den Fall einer iranischen Vergeltung gedroht, 52 Ziele im Iran anzugreifen. "Daher waren alle Streitkräfte in höchster Alarmbereitschaft", sagte Rabiei. "Dies war die Ursache für den tragischen Fehler und das Unglück." Während man einen Fehler zugibt sollte man nicht gleichzeitig die Schuld wieder anderen in die Schuhe schieben wollen. Wenn diese "erhöhte Alarmbereitschaft" so gefährlich ist, dann muss man den zivilen Flugverkehr einstellen. In Wahrheit kann man aber auch während erhöhter Alarmbereitschaft ein Flugzeug, dass vom Flughafen der Hauptstadt startet wohl von einem Marschflugkörper, der von außerhalb des Landes kommt unterscheiden. Zur Not hilft eine Smartphoneapp. Wer das nicht kann ist offensichtlich nicht kompetent genug, ein Raketensystem zu bedienen. Das ist anderen auch schon passiert. Zerknirschtheit ohne externe Schuldzuweisungen wäre angesagt.