Wrackteile der ukrainischen Passagiermaschine. | Bildquelle: AP

Flugzeugabsturz im Iran "Keine voreiligen Schlüsse"

Stand: 10.01.2020 18:22 Uhr

Mehrere Staaten gehen davon aus, dass das im Iran abgestürzte Passagierflugzeug abgeschossen wurde - vermutlich aus Versehen. Der Iran bestreitet das und versucht gleichzeitig, die Lage zu entspannen.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Es ist ein Handyvideo. Darauf zu sehen ist, wie sich am Nachthimmel zwei helle Punkte einander nähern und schließlich eins werden. Dann wird es kurz sehr hell. Es sieht wie eine Explosion aus.

Was es zeigen soll: Eine Rakete trifft am frühen Mittwochmorgen die ukrainische Passagiermaschine, die kurz zuvor in Teheran gestartet war. Die "New York Times" veröffentlichte das Video. Sie habe es verifiziert.

Defektes Triebwerk?

Der iranische Botschafter in Großbritannien, Hamid Baeidinejad, stellt das Video in einem Interview mit dem Sender "Sky News" in Frage. Es gebe viel Videomaterial und einiges davon widerspreche sich. "Wir sollten sehr vorsichtig sein, nicht irgendwelche voreiligen Schlüsse zu ziehen, sondern die Experten sich alles anschauen lassen."

Schon kurz nach dem Absturz hatte der Iran von technischen Problemen an Bord der Passagiermaschine gesprochen. Ein Triebwerk habe Feuer gefangen. Nach Ansicht von Experten könne ein Flugzeug aber auch mit einem defekten Triebwerk weiterfliegen. Es müsse mehr passiert sein.

Fast genauso schnell gab es Spekulationen über einen Abschuss der Maschine. Diese verdichteten sich, als US-Präsident Donald Trump und der kanadische Premierminister Justin Trudeau diese Theorie mit Verweis auf Geheimdienstinformationen stützten.

Iran will Informationen selbst auswerten

Die Situation war am Mittwochmorgen sehr angespannt. Der Iran musste einen Gegenschlag der USA befürchten, nachdem er zwei US-Stützpunkte wenige Stunden zuvor angegriffen hatte.

Ali Abedsadeh | Bildquelle: AFP
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Der Chef der zivilen Luftfahrtbehörde des Iran, Ali Abedsadeh

Die Black Boxen, also der Flugdatenschreiber und der Stimmenrecorder aus dem Cockpit, könnten erheblich dazu beitragen, dass die Ursache geklärt wird. Der Chef der zivilen Luftfahrtbehörde des Iran, Ali Abedsadeh, teilt bei einer Pressekonferenz mit, dass man beide Black Boxen habe. "Sie sind beschädigt. Aber man kann sie, so Gott will, hoffentlich trotzdem lesen."

Der zuständige Direktor für die Untersuchung von zivilen Flugunfällen, Hossein Rezayi, ergänzt: "Wir wollen die Informationen selbst abrufen und herunterladen. Wir haben die Software und die Erfahrung, die wir dazu brauchen."

Im Zweifelsfall würde man sich aber auch Hilfe aus dem Ausland holen. Die Ukraine schickte bereits eigene Experten in den Iran. Laut Abedsadeh sollen auch Boeing-Fachleute aus den USA, Kanada und Frankreich an den Untersuchungen zur Absturzursache beteiligt werden.

Iran weist Vorwürfe zurück

Der Iran bleibt aber dabei: Er hat die ukrainische Maschine nicht abgeschossen - auch nicht aus Versehen. "Unsere Luftverteidigung und unsere zivile Luftfahrtbehörde arbeiten eng zusammen - wie es das Gesetz vorschreibt. Das Personal beider Stellen sitzt nebeneinander. Es ist unmöglich, dass so etwas passiert", erklärt Abedsadeh.

Es gibt weitere Gerüchte, dass der Absturzort nicht abgesperrt worden sei. Ein Fernsehteam habe beobachtet, wie Bulldozer darauf herumgefahren seien. Diese Vorwürfe bezeichnet der iranische Botschafter Baeidinejad als "absolut absurd". Im Internet diskutierten indes viele Iraner, wer von beiden Seiten - die USA oder der Iran - Propaganda betreibt.

"Keine weitere Vergeltung geplant"

Nach Trumps Erklärung am Mittwochabend hatte sich die Situation etwas entschärft. Die Diskussion um einen möglichen Abschuss heizt den Streit neu an. Baeidinejad versucht zu beruhigen. "Wir haben keine weitere Vergeltung geplant oder darüber nachgedacht zu diesem Zeitpunkt." Man hoffe, dass kein Weg eingeschlagen werde, der die Situation weiter verschärfe.

Experten gehen davon aus, dass es Monate, wenn nicht sogar ein Jahr dauern kann, bis ein Abschlussbericht zur Ursache vorliegt. Vielleicht hat sich die Lage bis dahin etwas entspannt.

Ermittlungen zum Flugzeugabsturz im Iran: Tageszusammenfassung
Karin Senz, ARD Istanbul
10.01.2020 17:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Januar 2020 um 14:00 Uhr.

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Karin Senz, SWR

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