Trümmerteile der abgestürzten Boeing 737 liegen auf einem Feld nahe Teheran. | AFP

Flugzeugabschuss im Iran Opferfamilien verlangen Gerechtigkeit

Stand: 08.01.2021 10:52 Uhr

Ein Jahr ist es her, dass eine Boeing mit 176 Menschen an Bord bei Teheran abgeschossen wurde. Die Familien der Opfer wollen sich mit der Erklärung des Irans nicht zufrieden geben, es sei ein tragisches Versehen gewesen.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Es ist genau ein Jahr her, dass der Iran eine Passagiermaschine abgeschossen hat - direkt über Teheran - mit 176 Menschen an Bord. Drei Tage lang hat er sich gewunden, das auch zuzugeben, sprach erstmal von einem Unfall. Das Ganze ist im Zuge des US-Attentats auf den iranischen General Soleimani und dem Vergeltungsschlag auf US-Stützpunkte im Irak passiert. Teheran hat vor kurzem Entschädigung angekündigt.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Aber vielen Opferfamilien geht es viel mehr um Gerechtigkeit und Aufklärung. Das Internet ist voll mit Bildergalerien der 176 Opfer. Väter, Mütter, Geschwister, Freunde und Kollegen teilen gemeinsame Fotos von früher, erzählen aus ihrem Leben, von ihren Träumen.

"Schande der Verbrecher"

Hamed Esma‘eilion hat seine kleine Tochter und seine Frau verloren. Er lebt, wie viele Betroffene in Kanada und ist Sprecher eines Zusammenschlusses von Opferfamilien. "Wir verfolgen drei Hauptziele: Die Familien zu unterstützen, die Erinnerung an die Opfer dieses Verbrechens aufrechtzuerhalten, und vor allem wollen wir einen Prozess", erklärte er in einem Online-Statement.

Am Flughafen in Teheran, wo die Maschine nach Kiew gestartet war, gedachten sie gestern schon ihrer Lieben, neben Fotos legten sie Blumen nieder, zündeten Kerzen an. Ein Angehöriger sprach zu den anderen Trauernden von der Schande der Verbrecher, die das Flugzeug mit Raketen abgeschossen haben.

Helfer am Absturzort und Trümmerteile eines abgestürzten Flugzeuges | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Helfer am Absturzort Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Versprechen des Präsidenten

Sie verlangen, dass die vor Gericht gestellt werden, die zwei Luftabwehrraketen auf die ukrainische Maschine abgefeuert haben und die, die dafür verantwortlich sind. "Die Täter haben einen Fehler gemacht. Um welchen Fehler auch immer es sich dabei handelt, sie sollten vor ein faires Gericht gestellt werden. Und die Justiz wird dem sicherlich auch nachkommen", versprach der iranische Präsident Hassan Rouhani im Staatsfernsehen.

Möglicherweise soll sich noch diesen Monat ein iranisches Gericht mit dem Fall befassen, ob ein Militärgericht oder ein ziviles ist nicht klar. Hinterbliebene verlangen dagegen einen Prozess vor einem internationalen und unabhängigen Gericht. In einem kanadischen Regierungsbericht heißt es, die Seite, die für den Fall verantwortlich sei, untersuche sich selbst. Das schaffe kein Vertrauen.

Schadensersatz für die Angehörigen?

"Die Regierung hat in diesem einen Jahr alles unternommen und in ihrer Sitzung letzte Woche Schadenersatz für die Opfer beschlossen, ohne Rücksicht darauf, ob iranisch oder nicht iranisch", hält Irans Präsident Rouahni dagegen. Jeder bekomme 150.000 US-Dollar ausbezahlt.

Opferfamilien vor allem im Ausland machen klar, das werde die Rufe nach Gerechtigkeit nicht verstummen lassen. Immer wieder heißt es, Familien im Inland würden unter Druck gesetzt. Ein Untersuchungsbericht, den der Iran vor Kurzem veröffentlichte, nennt als Ursache menschliches Versagen.

Rouhani äußert sich diese Woche ähnlich. Es sei ein sehr bitterer, schmerzhafter und unglaublicher Vorfall. "Es war der Fehler eines Einzelnen im Zusammenhang mit der Rücksichtslosigkeit von mehreren", sagte der Regierungschef. "Natürlich war das alles ein Versehen. Aber es hat zu einem blutigen und schrecklichen Unfall geführt."

Verdächtige wohl auf Kaution frei

Der kanadische Bericht kritisiert, dass man keine Namen erfahre. Ein Verdächtiger ist wohl in Haft, weitere auf Kaution frei. Auch gebe es keine Begründung, warum der Luftraum in der betreffenden Nacht nicht gesperrt war. Schließlich habe im Iran die höchste Alarmstufe gegolten. Teheran hatte wenige Stunden vor dem Abschuss der Passagiermaschine Vergeltung gegen die USA im Irak geübt, für das Attentat auf General Soleimani.

Man war auf einen US-Gegenschlag vorbereitet. Drei Tage dauerte es, bis Teheran zugab, dass man die Maschine abgeschossen hatte. Die Regierung nannte die Opfer Märtyrer. Bei einer Demonstration vor einem Teheraner Militärgericht wehrten sich Angehörige dagegen. Ihre Lieben seien keinen Märtyrertod gestorben, sondern Opfer eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit geworden. Und dafür verlangen sie Gerechtigkeit.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. Januar 2021 um 11:05 Uhr.