Motorradkurier Ali | Bildquelle: Katharina Willinger

Corona im Iran Alis Fahrt ins Ungewisse

Stand: 09.10.2020 04:14 Uhr

Offiziell sind im Iran knapp 28.000 Menschen an Corona gestorben. Inoffiziell dürften es viel mehr sein. Die Hilflosigkeit der Regierung verstärkt die Perspektivlosigkeit der Armen und Jungen.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul, zzt. Teheran

In der Nähe des Teheraner Basars lehnt Ali an einer Mauer und beobachtet die Menschen, die an ihm vorbei gehen. Seine rechte Hand liegt dabei schwer auf dem Sattel seines blauen Motorrads, als wolle er es beschützen. Grund hätte er, denn es ist sein wertvollster Besitz.

Wenn es kaputt geht oder geklaut wird, verliert er auch seinen Lebensunterhalt als Motorradkurier. Gerade wartet Ali auf einen Auftrag. Jeder kann ihn anrufen, er bringt dann Ware von A nach B. Meist beauftragen ihn Ladenbesitzer auf dem Basar. Derzeit läuft es schlecht, erzählt er.

"Die Situation wird immer schwieriger. Es gibt kaum noch Jobs. Die Lebensumstände werden immer härter und ich schaffe es kaum, meine Ausgaben zu decken mit dem, was ich verdiene."

Motorradkurier Ali | Bildquelle: Katharina Willinger
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Hält sich mit Fahrten als Motorradkurier über Wasser: der 24-jähriger Teheraner Ali.

Keine festen Jobs für junge Menschen

Etwa acht Aufträge am Tag bräuchte er, um über die Runden zu kommen. Derzeit klappt das selten. Der 24-Jährige ist von Beruf Mechaniker. Doch seit zwei Jahren findet er keinen festen Job mehr. Das geht vielen jungen Menschen im Iran so. Immer mehr verdienen ihr Geld als Tagelöhner. Allein rund um das Basarviertel der Hauptstadt arbeiten Hunderte junge Männer als Moped- oder Motorradkuriere, andere schlagen sich als private Taxifahrer durch.

Misswirtschaft und Korruption setzen der Wirtschaft Irans seit vielen Jahren schwer zu. US-Sanktionen haben die Situation dramatisch verschärft. Dann kam auch noch Corona und legte die Wirtschaft fast komplett lahm. Seit Ausbruch der Pandemie kämpfen unzählige Menschen im Land um ihre Existenz.

Großer Bazar in Teheran im Iran | Bildquelle: AFP
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Im Basar und um ihn herum finden viele Teheraner traditionell Arbeit. Doch die Pandemie und die Wirtschaftskrise machen die lage immer schwieriger.

"Niemand traut sich, rauszugehen"

Der Iran ist das am stärkten betroffene Land in der Region. In 26 von 31 Provinzen gilt inzwischen die höchste Alarmstufe. Seit Wochen sterben zwischen 170 und 240 Menschen am Tag an oder mit Covid-19, so die offiziellen Zahlen. Beobachter gehen von einer noch wesentlich höheren Dunkelziffer aus.

"Die Menschen haben Angst, rauszugehen. Sie haben Angst, krank zu werden oder ins Krankenhaus zu müssen. Aber ich muss arbeiten. Es ist wirklich eine schwierige Situation", erzählt der Motorradkurier Ali.

Der Staat greift seinen Bürgern nicht unter die Arme, Corona-Hilfen sind kaum der Rede wert. Auch die Maßnahmen der Regierung sind zögerlich. Diese Woche bleiben Schulen, Universitäten und Moscheen geschlossen, ab sofort gilt in Teheran in der Öffentlichkeit eine Maskenpflicht. Das genüge bei weitem nicht, sagen Experten. Das Land brauche einen mindestens zweiwöchigen Lockdown.

Doch den kann sich die Führung nicht leisten. Die vielen Arbeiter und Tagelöhner im Land könnten im Fall eines Lockdowns wirtschaftlich nicht überleben. Ihre Wut würde sie womöglich auf die Straße treiben. Und das ist die größte Angst des Systems.

Männer in Schutzkleidung tragen einen in weißes Tuch gehüllten Leichnam eines Corona-Toten zu einem Friedhof in Teheran. | Bildquelle: dpa
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Auch im Iran steigen die Zahlen der Coronavirus-Infektionen und die Todesfälle. Doch die Regierung beruhigt.

Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben

Ali ist inzwischen unterwegs. Ein Ladenbesitzer hat ihn damit beauftragt, Ersatzteile in eine Werkstatt am Rande von Teheran zu bringen. Er muss einmal quer durch die Stadt. Sein Job war auch schon vor Corona riskant. In Teheran herrscht fast immer starker Verkehr, Mopedfahrer kommen aus allen Richtungen, ringen mit Autos und Bussen um freie Fahrt. Die Abgase der vielen Fahrzeuge liegen an manchen Tagen wie eine schwarze Wolke über der Stadt.

Sechs Tage in der Woche kämpft sich Ali durch notorisch verstopfte Straßen. Am Ende des Monats hat er dann keine 150 Euro verdient - auch im Iran ein Einkommen unter der Armutsgrenze. Er lebt bei seiner Familie, denn eine eigene Wohnung ist für ihn unbezahlbar.

Die Inflation vergrößert die Not

Nach rund einer Stunde Fahrt ist Ali am Ziel: die Autowerkstatt. Gerne würde er selbst wieder als Mechaniker arbeiten. Doch der Besitzer klagt, dass sein Betrieb derzeit auch kaum noch über die Runden kommt. "Keiner weiß mehr, wie es am nächsten Tag weitergehen soll. Es ist eine Katastrophe. Wir leiden alle unter der derzeitigen Situation. Ersatzteile sind mittlerweile sehr teuer, und jeden Tag geht der Preis weiter nach oben. Manchmal ändert er sich binnen einer Stunde."

Ali hört auf seinen Fahrten durch Teheran fast täglich solche Geschichten. Sie stimmen ihn nachdenklich. "Ich sehe keine Fröhlichkeit mehr in den Gesichtern der Menschen. Ich habe das Gefühl, sie mühen sich ab für nichts und wieder nichts."

Auch heute hat er wieder nicht genug Aufträge bekommen. Auf die Frage, wie er seine Zukunft sieht, antwortet er nüchtern, er sehe keine Zukunft. Im Iran denke man derzeit nur bis zum nächsten Tag.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. September 2020 um 23:37 Uhr.

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