Ein Mädchen geht im Juli 2017 durch eine zerstörte Gasse in Mossul. | Bildquelle: dpa

Wiederaufbau von Mossul Betonmischer statt Sprengfallen

Stand: 14.02.2018 03:04 Uhr

Im vergangenen Sommer wurde Mossul vom IS befreit. Doch der Wiederaufbau kommt nur langsam voran. Es fehlt an Geld. Da dürfte auch die Geberkonferenz in Kuwait kaum helfen.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo, zzt. in Mossul

"Das Leben kommt zurück", sagt er schmunzelnd, "hierher in die Altstadt von Mossul." Es fällt schwer, das zu glauben in einem Viertel, das einer Geisterstadt ähnelt.

Neun Monate Häuserkampf und Dauerbombardement haben eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Kein Stein steht mehr auf dem anderen. Ruinen, Trümmer, Asche, Staub. Eine Kulisse, die an Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert.

Tote unter den Trümmern

Überall lauern Sprengfallen. Etwa 1000 Leichen verwesen unter dem Geröll. Es gibt keinen Strom, kein Wasser. Der Bauherr aber, der seinen Namen nicht nennen will, glaubt an die Zukunft seiner Heimatstadt. Ein Betonmischer läuft. Das Fundament ist gegossen.

Es soll ein Geschäftshaus werden. Sechs Arbeiter dirigiert der Oberst der irakischen Armee auf seiner Baustelle und scheint bester Laune. In einigen Ecken und Straßenzügen der Altstadt herrscht mittlerweile wieder reges Treiben. Menschen bohren, hämmern und schrauben, räumen Schutt weg.

In der historischen Altstadt gibt es davon besonders viel. Jahrhundertealte Häuser, Tore und Gassen, die weltberühmte Nuri-Moschee liegen in Trümmern. Kaum ein Haus ist verschont geblieben.

Zerstörte Häuser in Mossul | Bildquelle: ARD-Kairo
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Das ARD-Team war in Mossul unterwegs - die Großstadt liegt größtenteils in Trümmern.

25 Milliarden allein für Mossul?

Auch die Infrastruktur ist schwer getroffen. Straßen, die Kanalisation, Schulen, Verwaltungsgebäude. Bürgermeister Abdul Sattar Habo schätzt die Kosten des Wiederaufbaus von Mossul insgesamt auf 25 Milliarden Euro.

Geld, das er nicht hat. Ebenso wenig wie die Zentralregierung in Bagdad. Auch die meisten Bürger haben ihr Erspartes in den Jahren von Mangel und Not aufgebraucht oder sind geflohen.

"30.000 Häuser sind zerstört. 3000 Zivilisten sind ums Leben gekommen", sagt er. "Wenn wir nicht schnell Finanzhilfen der internationalen Gemeinschaft bekommen, wird das Leid der Menschen niemals enden."

Bei den internationalen Geldgebern aber sitzt das Geld nicht so locker. In Kuwait beraten sie seit Montag über Finanzhilfen für den Wiederaufbau. Iraks Regierung veranschlagt dafür gut 70 Milliarden Euro. Es dürften am Ende nicht einmal 300 Millionen werden. Das sind 0,4 Prozent.

Zerstörte Krankenhäuser

Kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, meint Bürgermeister Habo. Einer der größten Geldgeber ist Deutschland. Seit 2014 hat die Regierung 1,3 Milliarden Euro investiert. Nun sollen noch einmal gut 100 Millionen hinzukommen. Auch für Schulen, psychosoziale Unterstützung, eine bessere Gesundheitsversorgung.

Gerade die ist im Krieg schwer getroffen worden. Vier von sieben Kliniken sind vollständig zerstört, durch Bomben oder Feuer. Die Terrormiliz IS hat sie als Munitionslager genutzt, so ganz bewusst den Tod von Kranken und Hilfsbedürftigen in Kauf genommen.

In der Kinderklinik Al-Khansa ist jede zweite Abteilung außer Betrieb, der Operationssaal ausgebrannt. Viele Kinder können nur notdürftig versorgt werden. Allein im Januar verstarben hier 62. Womöglich hätten die Ärzte sie mit besseren Medikamenten und Geräten retten können.

Ein irakischer Polizist im September 2017 vor der zerstörten Al-Nuri-Moschee in Mossul. | Bildquelle: dpa
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Ein irakischer Polizist im September 2017 vor der zerstörten Al-Nuri-Moschee in Mossul.

Vor allem Kinder leiden

Suhad Mohammed sitzt bei ihrem Jungen auf dem Krankenbett. 15 Monate ist er alt, hat Fieber und schreit. 2015 hat sie ihren ersten Sohn verloren, 15 Tage nach der Geburt, vermutlich weil er eine falsche Impfung bekam. Nun bangt sie um das Leben ihres zweiten Kindes. Der Arzt in ihrer Heimatstadt 60 Kilometer südlich von Mossul konnte ihr nicht helfen. Deshalb ist sie nach Mossul gekommen. Die Ärzte hier können helfen. Es ist nur eine harmlose Infektion.

Nicht immer endet es so glimpflich wie hier. 750.000 kranke Kinder können in der Region Mossul nicht behandelt werden, beklagt Unicef. Die Situation sei katastrophal. "Allein im Januar sind 31 Kinder und 30 Neugeborene gestorben, weil Medikamente und Spezialgeräte fehlen", sagt Sakvan Hasan von Unicef Irak, "oder die Klinik für viele Eltern nur schwer erreichbar ist."

Und doch gibt es auch Grund zur Hoffnung in der einst blühenden Handelsmetropole. 600.000 Menschen sind in die Region zurückgekehrt. Die meisten in die östlichen Viertel Mossuls. Sie wurden als erste von der Terrormiliz IS befreit. Die Zerstörungen halten sich in Grenzen. Dort pulsiert das Leben wieder. Märkte und Geschäfte sind offen, die Straßen belebt. Die Menschen hier glauben auch nach drei Jahren Krieg und Terror an ein Leben in Frieden.

Über dieses Thema berichtete am 12. Februar 2018 Deutschlandfunk um 05:22 Uhr und 23:26 Uhr und die tagesschau am 14. Februar 2018 um 20:00 Uhr.

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