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Irak Das Dorf der Minenopfer

Stand: 24.11.2020 16:17 Uhr

In keinem anderen Land der Welt liegen so viele Minen wie im Irak - das tödliche Erbe der Golfkriege. Für die Beseitigung fehlt Personal und Geld. Im Dorf Butran hat fast jeder einen Minenunfall erlebt.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Es war der verzweifelte Versuch, ein wenig Geld zu verdienen in einer Region ohne Jobs und Perspektiven. Vor einem halben Jahr fuhr Malik Hamid in die irakische Wüste, die sich vor seinem Dorf erstreckt. Dort suchte der 34-Jährige nach Metallteilen, die er verkaufen könnte. Es sind Hinterlassenschaften aus den beiden Golfkriegen. "Ich wollte Metallteile auflesen, als es passierte", erzählt er. "Offenbar bin ich auf eine Landmine getreten. Als ich mein Bein anhob, explodierte sie, und dann war es weg."

Seither sieht er keine Chance mehr für sich im Leben. Er hat kein Geld, keinen Job, auch keine Unterstützung der Regierung. Irgendwie aber muss er seine fünf Kinder durchbringen. "Ich habe nichts, um meine Kinder zu ernähren", sagt er völlig verzweifelt.

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In einem Krankenhaus in Basra sind die Folgen des Landmineneinsatzes in der Region nicht zu übersehen: Viele Patienten haben durch sie Gliedmaßen verloren.

Ein Dorf fühlt sich im Stich gelassen

Butran war im ersten Golfkrieg in den 1980er-Jahren ein Schlachtfeld. Vom Dorf zur iranischen Grenze sind es keine sieben Kilometer. Die Region ist seither weitflächig vermint. Längst nicht alle Bomben sind geräumt.

Fast alle in Butran sind über die Jahre schon Opfer der Minen geworden. 300 Bewohner haben Gliedmaßen verloren und fühlen sich in ihrer Not allein gelassen. "Diese Region ist nicht sicher", sagt Hussain Sarhan. Der ältere Mann hat seinen Unterarm und sein Augenlicht verloren. "Es ist ein Ort der Minen und Sprengkörper."

Munitionsreste aus dem dritten Golfkrieg, darunter viele Landminen | Bildquelle: picture-alliance / DoD
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Ein Bild aus dem Jahr 2005 zeigt Munitionsreste aus dem dritten Golfkrieg, darunter viele Landminen. Mit dem Erbe kämpft der Irak noch heute.

18.000 Menschen wurden schon Opfer

1500 Quadratkilometer im Süden des Irak sind mit Minen und Streumunition verseucht. Eine Erblast des ersten und zweiten Golfkriegs. In keinem anderen Land der Welt schlummern so viele Bomben, wie die Vereinten Nationen ermittelt haben. 18.000 Menschen hat es bislang schon getroffen. Jedes Jahr werden es mehr. In diesem gab es die bislang meisten Unfälle.

Unter den Betroffenen sind auch 40 Kinder, sagt Haitham Fattah. Er leitet die zuständige Direktion im Umweltministerium. Gerade einmal sieben Expertenteams stehen ihm zur Verfügung, um das Land bis 2028 von der tödlichen Last zu befreien. Doch das scheint fast unmöglich. Die Arbeit ist hochkomplex und riskant. Das Budget ist knapp, obwohl es in der Region große Ölvorkommen gibt. Die Erlöse allerdings fließen in andere Kanäle, versickern oft genug in den Taschen korrupter Funktionäre.

Eigentlich sollte das Militär die Teams bei ihrer lebensrettenden Arbeit unterstützen. Dann aber wurden die Einheiten für den Kampf gegen die Terrormiliz IS wieder abgezogen. "Wir fordern die internationale Gemeinschaft, die Hilfsorganisationen auf, uns besser zu unterstützen", sagt Fattah. "Wir brauchen mehr Teams, um unsere Kräfte bündeln zu können und die Minen wieder loszuwerden."

Ein UN-Team sucht im Irak nach Landminen | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Die Suche nach Minen ist immens aufwändig - auch das macht sie so heimtückisch.

Prothesen eröffnen neue Perspektiven

Das Prothesenzentrum in Butran ist für viele Opfer ein Ort der Hoffnung. 200 Betroffene suchen hier jede Woche Hilfe. Die meisten haben untere Gliedmaßen verloren: Füße, Unterschenkel, Oberschenkel. Mit einer Prothese öffnen sich den Menschen ganz neue Perspektiven, auch wenn sie denkbar schlicht sind.

Das Rote Kreuz unterstützt die Einrichtung. Die Mittel aber sind begrenzt, die Wartezeiten lang. Malik muss erst einmal mit einem Plastikstumpf durchs Leben kommen. Dass eine Mine sein Leben zerstört hat, sei nicht seine Schuld, sagt er. Die Regierung ließe die Menschen in ihrer Not im Stich. "Wir haben hier keine Arbeit, nur die Wüste", sagt er. "Und jetzt kann ich nicht einmal mehr dorthin."

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